Teil 5

Der Umgang der heutigen Türkei mit dem Genozids an Christen (Armeniern, Aramäern/Assyrern und Griechen)

 

Kyro Ponte: Warum erkennt heute die Türkei den Völkermord an den christlichen Minderheiten nicht an?

 

Tessa Hofmann: Ich könnte zurückfragen: Welche Rechtsnachfolger von Täterstaaten erkennen freiwillig an? (West-)Deutschland tat dies erst unter dem Druck der siegreichen westlichen Alliierten. Japan hat bis heute Schwierigkeiten mit einer umfassenden Anerkennung seiner Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg im besetzten China. Im Fall der Türkei spielt jedoch auch die Dauer der Leugnung eine hemmende Rolle: Nach Jahrzehnten hartnäckiger Leugnung (und teilweise auch versuchter Rechtfertigung der Verbrechen) fällt es psychologisch sehr schwer, sich der Vergangenheit zu stellen. Doch die Leugnung hält die Wunden bei den Nachfahren der Opfer noch über Generationen schmerzhaft aufgeklammert. Heilung und Abschluss sind dann unmöglich, und dies wiederum besitzt äußerst negative Folgen für die internationalen Beziehungen.

 

Kyro Ponte: Kann Griechenland wegen des Genozids im Internationalen Strafgerichtshof Klage erheben?

 

Tessa Hofmann: Im April 2010 hat der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luiz Moreno-Ocampo, dem armenischen Präsidenten Serge Sargsjan, signalisiert, dass Armenien wegen des Genozids von 1915/16 Klage einreichen könnte. Armenien müsste dazu allerdings erst einmal das Römer Statut ratifizieren, was durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Armeniens von 2004 erschwert wird. Günstiger sieht es im Fall Griechenlands aus, das das Römer Statut bereits 2002 ratifiziert hat. Aber ob Griechenland den Mut zur Klageerhebung besitzt, scheint mir recht zweifelhaft.       

 

Kyro Ponte: Weshalb sollen Völkermorde, die am Anfang des 20. Jahrhunderts begangen wurden, uns heute interessieren. Was lernen wir daraus?

 

Tessa Hofmann: Was wir im Bereich der vergleichenden Genozidforschung speziell aus dem Beispiel des ersten großmaßstäbigen Genozids des 20. Jahrhunderts lernen können ist unter anderem: Ein Großteil der damals politisch Verantwortlichen stammte aus Familien, die ihrerseits Flucht, Vertreibung und Vernichtung erlitten hatten, im europäischen Teil des Osmanischen Reiches während der Balkankriege oder im 19. Jahrhundert bei der russischen Eroberung des Nordkaukasus. Der niederländische Turkologe Eric Jan Zürcher bezeichnete die jungtürkische Elite deshalb als „Kinder des Grenzlandes“ und ihren Genozid als Vernichtung anatolischer Christen durch muslimische Europäer. Wir lernen hieraus, dass ein Unrecht zu neuem und oft, wie in diesem Beispiel, in noch größerem Umfang führt. Sowohl die Verbrechen, die an den „Kindern des [osmanischen bzw. europäischen] Grenzlandes“ verübt wurden, als auch die von ihnen selbst verübten Verbrechen an den christlichen Mitbürgern erfolgten zum Zweck ethno-religiöser Vereinheitlichung als Mittel der Herrschaftsfestigung. Das Russische und das Osmanische Reich betrieben beide Binnenkolonialismus und versuchten ihre Herrschaft durch Festigung jeweils der eigenen Religions- bzw. Sprachgruppe zu festigen. In dem beiden umkämpften Kaukasus und Anatolien wurden Volks- und Religionsgruppen wie auf dem Schachbrett hin- und hergeschoben.

 

Man kann den spätosmanischen Genozid mit eben solchem Nutzen auch als Mega-Verbrechen von „sozialen bzw. demographischen Ingenieuren“ analysieren, das im Zuge eines Nationsbildungsprozesses begangen wurde. Auf das Konto solcher “Ingenieure“ gehen die größten Genozidverbrechen des 20. Jahrhunderts: Jungtürken und deutsche Nationalsozialisten wollten mit Türkisierung bzw. „Arisierung“ jeweils eine bestimmte Volksgruppe oder „Rasse“ durchsetzen. Bei den staatlichen Megaverbrechen in der Sowjetunion, China und Kambodscha ging es um den Sieg der proletarischen Klasse.  Wir sollten also misstrauisch werden, falls wieder einmal religiöse, sprachliche oder soziale Unterschiede unter den Bürgern oder Einwohnern eines Landes als Gründe für Zwangsmaßnahmen missbraucht werden.

 

Kyro Ponte: Ist das Vergessen historischer Ereignisse (wie z.B. der Genozid an den christlichen Minderheiten in den Jahren 1914-1924, der Pogrom von Istanbul an den Griechen (1955)) manchmal besser, damit die Völker zueinander kommen oder trägt die Aufklärung der historischen Ereignisse zu einem unbefangenen Miteinander bei?

 

Das Vergessen von Massengewalt empfiehlt sich ohnehin nicht. Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssen in erster Linie juristisch aufgearbeitet werden. Wo das schwierig ist, wie bei allen vor 1948 - also der Verabschiedung der UN-Konvention – begangenen Verbrechen – können ersatzweise nationale Gesetzgeber angerufen werden. Diesen Weg haben als erste Diaspora-Armenier beschritten, und ihnen sind andere Diasporen wie die der Assyrer, der Pontosgriechen, der Tscherkessen gefolgt, aber auch Staaten wie die Ukraine unter ihrem früheren Präsidenten Viktor Juschtschenko. Diese Form der „Anerkennung“ ist aber von politischen Konjunkturen, von Bündnispolitik, der Zusammensetzung eines Parlaments im Augenblick der Antragstellung und anderen Zufälligkeiten abhängig, was der eigentlichen Aufgabe – der Wiederherstellung von Recht und damit Heilung und Abschluss – nicht gerecht werden kann. Erinnern wir uns an Lemkins schon zitierte Worte: Genozid ist die Verletzung des Lebensrechts einer Gruppe von Menschen. Den Christen des Osmanischen Reiches wurde dieses Recht aberkannt. Und es wird erst wieder hergestellt, wenn die repräsentativen Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches das damalige Unrecht nicht mehr bestreiten, beschönigen oder herunterspielen, sondern es als Verbrechen qualifizieren. Erst wenn ein türkischer Präsident, Regierungschef oder Parlamentssprecher sich öffentlich in diesem Sinne äußert und um Verzeihung bittet, können die Nachfahren der damaligen Opfer diese Bitte auch erfüllen. Nichts vergiftet die Beziehungen unter Völkern stärker als Genozid und dessen Leugnung. Ein unbefangenes Miteinanderleben auf der Grundlage belasteter, weil bestrittener oder geleugneter Geschichte ist unmöglich, es sei denn, dass man künftigen Generationen „um des lieben Friedens willen“ das in der Vergangenheit verübte Unrecht verschweigt und vorenthält. Aber dies liefe nicht nur auf erneutes Unrecht gegenüber den Opfern hinaus, sondern auch auf eine mit Demokratie und Rechtstaatlichkeit nicht mehr zu vereinbarende Zensur. Und wesentlicher noch: Es wird nie gelingen. Die Türkei bietet dafür das beste Beispiel. Trotz jahrzehntelanger Gängelung, trotz strafrechtlicher Verfolgungen durch den Gesinnungsparagraphen 301 und andere setzen sich immer mehr Menschen kritisch mit der Vergangenheit auseinander und schreiben oder sprechen öffentlich über den Völkermord. Eine türkische Redensart sagt: Die Sonne lässt sich nicht mit Lehm zuschmieren! Das gilt auch für die Wahrheit. 

 

Schließlich trägt das Beharren auf Anerkennung, auf Erinnerung und Trauerarbeit wesentlich zur Verhütung künftiger Verbrechen bei, was ja das zweite Hauptziel der UN-Konvention von 1948 darstellt.

 

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