Teil 3

Ist das Verbrechen an den Pontos-Griechen ein Völkermord? (Teil 3)


Interview mit Dr. Tessa Hofmann

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Bild: Mitglieder der "Teşkilât-ı Mahsusa". Sie waren am Anfang des 20. Jahrhunderts in den Bereichen Spionage, Propaganda und Vorbereitung von Attentaten aktiv.

Kyro Ponte: Im Sommer 1914 wurde offiziell die sog. „Sonderorganisation“ (türk. Teşkilât-ı Mahsusa) im Kriegsministerium des Osmanischen Reiches aufgenommen. Welche Funktion erfüllte diese Organisation und welche Rolle hat sie im pontischen Völkermord gespielt?

Tesa Hofmann: Die „Sonderorganisation“ ist älteren Datums. Als ein osmanisch-jungtürkischer Geheimdienst ging sie 1911 aus der paramilitärischen Organisation der Fidajin hervor, die wiederum 1906 in Saloniki gegründet wurde; sie diente den Jungtürken nicht nur als Kontraguerilla im Kampf gegen bulgarische Partisanen, sondern dem jungtürkischen Zentralkomitee auch als Todesschwadron zur Vollstreckung von Meuchelmorden. Bereits im Zeitraum 1909 bis 1911 verschwanden in Makedonien und Serbien christliche Führer oder wurden ermordet; die Meuchelmorde und Verfolgungen wurden danach auch auf weniger Prominente ausgedehnt. Während des Tripoliskrieges 1912 erleben wir die „Sonderorganisation“ im Kampf gegen die italienische Armee. Ihre Spezialität waren Sabotage- und Terrorakte hinter den Frontlinien, und genau mit diesen Aufgaben trat sie auch während der Balkankriege hervor. Morde und Massaker an Griechen und Bulgaren gingen auf ihr Konto. 1914 wurde die zunächst dem Verteidigungsministerium unterstellte „Sonderorganisation“ dem Innenministerium unterstellt. In dieser Eigenschaft wurde sie zum Hauptinstrument bei der Vernichtung der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches; die Zahl ihrer Angehörigen schnelle 1915 sprunghaft auf 40.000. Nach der osmanischen Kriegskapitulation von Mudros (30.10.1918) erfolgte die offizielle Auflösung der Teşkilati-Mahsusa und entstand als Nachfolgeorganisation die Karakol (Polizeiwache). Es ist interessant, dass der heutige türkische Staatssicherheitsdienst Milli Istihbarat Teşkilati („Nationale Aufklärungsorganisation“; MIT) auf seiner Webseite die „Sonderorganisation“ als indirekte Vorgängerin nennt [1]

Der „pontische Genozid“ ist Teil des Völkermords an der griechisch-orthodoxen Bevölkerung des Osmanischen Reiches und besteht als solcher aus zwei Etappen: während und nach dem Ersten Weltkrieg. Während der zweiten Phase 1919-1922 waren es vor allem lokal bzw. regional agierende Freischärlerbanden, die so genannten çeteler, die im Dienst und in Absprache mit der abtrünnigen Rebellenregierung unter Mustafa Kemal das Einschüchtern, Vergewaltigen, Brandschatzen und Morden übernahmen. Was die Vernichtung der pontosgriechischen Elite betrifft, so sind vor allem die kemalistischen „Unabhängigkeitsgerichte“ zu nennen, die ab 1920 in Schnell- und Willkürverfahren Massenhinrichtungen anordneten.

Kyro Ponte: Das deutsche Kaiserreich unterstütze die sog. „Spezialorganisation“ mit Geld aus dem Goldhandel. War die Deutsche Militärmission im Osmanischen Reich unter Liman von Sanders über die Massaker an Armeniern, Aramäern/Assyrern und Griechen, die zum größten Teil Bürger des osmanischen Reiches waren, unterrichtet?

Tesa Hofmann: Nicht nur die deutschen Militärbehörden im Osmanischen Reich waren umfassend über die Vernichtungsabsichten des türkischen Bündnispartners informiert, sondern ebenso die Zivilbehörden, namentlich das diplomatische Corps; in fast allen osmanischen Provinzhauptstädten waren deutsche Konsulate vertreten, und dieses dichte Informationsnetz, das dank des deutsch-osmanischen Militärbündnisses ungehindert von Zensurauflagen funktionierte, versorgte das deutsche Auswärtige Amt telegrafisch umgehend mit Informationen. So wussten die deutschen politischen Entscheidungsträger zu jeder Etappe der Deportation der Armenier genau über deren Umfang Bescheid. Sehr früh schon, Anfang Juli 1915, formulierte der deutsche Geschäftsträger zu Konstantinopel, Baron Hans von Wangenheim, die Schlussfolgerung, dass es sich bei den Deportationen der Armenier um keine durch den Krieg bedingte Maßnahme handele, sondern „dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten.“

Deutsche Diplomaten verstanden auch den tödlichen Charakter der Deportationen genau. So telegrafierte der deutsche Vize-Konsul zu Samsun, M. Kuckhoff, am 16. Juli 1916 mit Blick auf die Deportation der Griechen aus dem Gebiet von Sinope und Kastamonu:
„(…) Ausweisung und Ausrottung sind türkisch gleiche Begriffe, denn wer nicht umgebracht wird, verfällt meist den Krankheiten und dem Hungertode.“

Als im Juli 1915 die verbliebene Bevölkerung der fast ausschließlich griechischen Stadt Kydonies (Ionien) deportiert wurde – ein Drittel der griechischen Vorkriegsbevölkerung von 36.000 war 1914 nach Lesbos geflüchtet – besuchte der zweite deutsche Botschafts-Dragoman (Übersetzer), Dr. Schwörbel, im Sommer 1915 zweifach Ionien und fand entlang der Bahnlinie Soma-Pandarma Konzentrationslager mit griechischen Frauen, Kindern und alten Menschen vor, die von der Marmaraküste deportiert worden waren; da sie nicht von der osmanischen Regierung ernährt wurden und keine Arbeit in der Region fanden, war Schwörbels Berichten zufolge die Todesrate unter ihnen hoch.

Kyro Ponte: Welche Maßnahmen wurden zu dieser Zeit vom deutschen Kaiserreich ergriffen, um die genannte Massaker und Todesmärsche einzudämmen?

Tesa Hofmann: Deutsche Diplomaten äußerten bei verschiedenen Anlässen die Befürchtung, dass die osmanischen Griechen dasselbe Schicksal wie die Armenier ereilen würde, sollte Griechenland seine Neutralität aufgeben und an der Seite der Entente eintreten. Dieses Kalkül hinderte allerdings die Jungtürken nicht, im Pontos schon 1916, also vor dem Kriegseintritt Griechenlands (27.06.1917), zu deportieren und sich dabei gegenüber den immer wieder nachfragenden und gelegentlich auch protestierenden deutschen Diplomaten ganz ähnlich wie im Fall der Armenier zu verhalten: also abzustreiten, hinzuhalten, notfalls Versprechungen auf Besserungen oder Erleichterungen zu machen und im Übrigen vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Jungtürken wussten nur zu gut, dass Deutschland das Militärbündnis mit den Osmanen über alle humanitären Grundsätze stellte und wegen der osmanischen Christen nichts aufs Spiel setzen würde.

Sieht man von wirkungslosen Protestnoten ab, haben deutsche Diplomaten und hochrangige deutsche Militärs im Osmanischen Reich letztlich nur eine Beobachterrolle gespielt; die einzige Ausnahme bildete der deutsch-jüdische Kavalleriegeneral Otto Liman von Sanders, der in seinem Befehlsbereich Smyrna die Deportation der Armenier weitgehend – mit Ausnahme von 300 am 13.08.1916 Deportierten – verhinderte; in der Stadt Smyrna lebten damals nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 6.000 bis 20.000 Armenier, in ihrer Umgebung weitere 30.000. Als im selben Jahren der Gouverneur der Provinz Aydın, Rahmi, auch die Deportation der gesamten griechischen Bevölkerung Ioniens anordnete, widersetzte sich von Sanders mit Unterstützung des deutschen Auswärtigen Amtes erneut diesem Befehl, ebenso wie er Ende 1917 einen erneuten Deportationsversuch der Griechen aus Smyrna verhinderte. Allerdings ordnete Liman von Sanders im April 1917 die „Evakuierung“ der schätzungsweise 12.000 bis 20.000 Griechen von Aivalık (Aivali) an, wegen ihrer angeblich fortgesetzten Spionage und Hochverrat für die Alliierten. Ironischerweise stieß dieser Befehl auf die Kritik des osmanischen Regierungschefs (seit Februar 1917) Talaat, der in seiner neuen Funktion die Mäßigung des zwei Monate zuvor umgebildeten Kabinetts versichert hatte und nun den deutschen Befehlshaber wegen überzogener Maßnahmen kritisierte!

Bekanntlich wurde Liman von Sanders am 3. Februar 1919 von den Briten wegen angeblicher Kriegsverbrechen an Armeniern und Griechen festgenommen und blieb bis zum 21. August 1919 in britischer Haft auf Malta, ohne dass es zu einer Anklageerhebung kam. In seinen schon 1920 veröffentlichten Kriegserinnerungen beklagte er sich bitter über die haltlosen Anschuldigungen gerade aus der griechischen Bevölkerung.

In der Geschichtsforschung ist bis heute die Frage nicht endgültig geklärt, wie groß die Mitschuld oder Mitverantwortung des Deutschen Kaiserreichs anzusetzen ist. War Deutschland während des Weltkrieges nur Mitwisser, der die Verbrechen des Bündnispartners billigend hinnahm? Einige der hochrangigen deutschen Militärangehörigen waren persönlich für Deportationsbefehle mitverantwortlich. Auf der anderen Seite haben Wissenschaftler eingewendet, dass die von Deutschland betriebene Bündnispolitik durchaus im Rahmen des damals international Üblichen lag und die Interventionsmöglichkeiten Deutschlands überschätzt würden; der Deutsch-Kanadier Ulrich Trumpener bestritt schon 1968, dass die deutsche Regierung die Armenierverfolgung „angestiftet oder unterstützt“ habe. Deutschland sei lediglich vorzuwerfen, dass es nichts über Vorhaltungen und diplomatische Proteste hinaus unternahm, um die türkische Regierung von ihrer Vernichtungspolitik abzubringen. Es sei überhaupt fraglich, ob energischere Proteste etwas bewirkt hätten: „Im Gegenteil zu dem, was bisweilen behauptet wird, war ein direkter Schutz der Armenier völlig jenseits von Deutschlands Möglichkeiten.“

Quellen
[1] Vgl. http://www.mit.gov.tr/english/tarihce.html
[2] Trumpener, Ulrich: Germany and the Armenian Persecutions 1915-1918 (Auszugweiser Nachdruck aus: ders., Germany and the Ottoman Empire 1914-1918, Princeton 1968), Beirut: (Hamaskaine Press), o.J., S. 73

* Kyro Ponte (eigentlich Kyriakos Sidiropoulos) ist Neurowissenschaftler, Autor und Mitglied der Gesellschaft Griechischer AutorrInnen in BRD.

** Frau Tessa Hofmann ist seit 1983 wissenschaftliche Angestellte am Osteuropa-Institut der FU Berlin, derzeit als Forschungsassistentin in der Abteilung Osteuropäische Soziologie tätig. Sie veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Geschichte, Kultur und Gegenwartslage Armeniens und der armenischen Diaspora, zur Genozidforschung mit dem Schwerpunkt des spätosmanischen Genozids an Christen, zu ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei und im Südkaukasus.

 

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