Teil 2

Ist das Verbrechen an den Pontos-Griechen ein Völkermord? (Teil 2)


Interview mit Dr. Tessa Hofmann

_wsb_500x236_genocide-men-deportation-1

Bild: Deportation von Griechen aus Smyrna nach Anatolien, Foto von Major Charles D. Morris (1883-1954) aus der amerikanischen Hilfsorganisation "Near East Relief"

Kyro Ponte: Teilen Sie die Ansicht, dass die Deportationen und Verfolgungen an pontischen Griechen, wie der britische Historiker Mark Mazower [1] behauptet: „nicht dazu entworfen wurden, um zum Tod „ihrer Opfer“ zu führen?“

Tesa Hofmann:Seine Behauptung steht im kompletten Widerspruch zu den angeführten Beispielen jungtürkischer Vernichtungsandrohungen seit 1909 (vgl. Artikel 1). Also entweder hält man diese Drohungen für bloße Rhetorik, was angesichts der späteren genozidalen Ereignisse eine befremdliche Naivität darstellen würde, oder M. Mazowers Behauptung beruht auf einer ebenso befremdlichen Unkenntnis. Sie scheint sich noch mit einem Rechtsirrtum zu paaren, denn Deportationen werden inzwischen völkerrechtlich als Verbrechen gegen die Menschheit bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit [2] geahndet, gleichgültig, ob sie zum Tod vieler, weniger oder keiner Deportierten führen. Herr Mazower möge das 1998 verabschiedete „Römer Statut“ nachlesen, das die Geschäftsgrundlage des Internationalen Strafgerichtshofs (International Criminal Court – ICC) bildet; Artikel 7 (1) d nennt „Deportation oder Zwangsumsiedlung“ als eines von insgesamt elf Verbrechen gegen die Menschlichkeit [3]. Es scheint aber unter Historikern ein verbreiteter Irrglaube zu herrschen, dass Deportationen im Vergleich zu Massakern oder anderen Formen direkter Tötung eine Bagatelle darstellen.
Die Zwangsumsiedlung ganzer Bevölkerungsgruppen, noch dazu unter Kriegsbedingungen, tendiert häufig dazu, in Genozid zu münden, insbesondere, wenn die Betroffenen absichtlich unter den denkbar ungünstigsten Umständen deportiert werden. Wer Menschen aller Altersgruppen, Kranke, Sieche, Schwangere und Wöchnerinnen inbegriffen, im Hochsommer zu Fuß in Wüstengebiete treibt oder mitten im Winter über vereiste Gebirgspässe, ohne ihnen ausreichend Erholung, Nahrung und sichere Unterkunft zu bieten, der nimmt zumindest billigend in Kauf, dass zahlreiche Menschen sterben, und zwar einen qualvollen, langsamen Erschöpfungstod. Es handelte sich also faktisch um Todesmärsche. Das erste Beispiel betrifft die armenische Bevölkerung des Osmanischen Reiches, das zweite die pontosgriechische.

Kyro Ponte: Wie viele Menschen sind bei diesen Todesmärschen umgekommen?

Tesa Hofmann:
Was die Zahlen betrifft, so wurden bei den Deportationen in Ostthrakien vor und während des Ersten Weltkrieges an die 323.000 Griechen – fast die gesamte griechische Bevölkerung der Region von insgesamt etwa 350.000 – deportiert, davon etwa ein Drittel – 100.000 Menschen – nach Zentralanatolien bzw. Kleinasien. Die Gesamtzahl der während des Ersten Weltkrieges deportierten Griechen im Osmanischen Reich beläuft sich nach unterschiedlichen Angaben auf 500.000 bis 773.859 Griechen. Legt man eine griechisch-orthodoxe Gesamtbevölkerung (türk. Rum milet-i) von 2.5 Mio. Menschen zugrunde, wäre jeder fünfte bis jeder dritte osmanische Grieche im Ersten Weltkrieg deportiert worden. Bei einer Zugrundelegung von 3 Mio. griechisch-orthodoxer Bevölkerung und 773.859 Deportierten liegt das Verhältnis bei etwa einem Viertel, bei 500.000 Deportierten immerhin noch bei einem Sechstel. Derartige Anteile von 16,7% bis 33% an einer Bevölkerungsgruppe kann man nicht, wie Herr Mazower, als „relatively small scale“ abtun [vgl. 1]. Hinzu kommt, dass es sich bei den Deportationen im Ersten Weltkrieg im Unterschied zu den früheren in Ost-Thrakien fast ausschließlich um Deportationen ins Landesinnere handelte, was unter osmanischen Umständen eine gewollt hohe Zahl von Toten bedeutete. Denn dies hatte die Jungtürken aus den ostthrakischen Deportationen gelernt: Jagte man eine unerwünschte Bevölkerungsgruppe nur einfach über die nächste Landesgrenze, stellte sie sich nach einigen Jahren und unter veränderten politischen Verhältnissen wieder ein. Von den 232.000 griechischen Ostthrakern, die zwischen 1912 bis 1918 zur Auswanderung in das griechische Staatsgebiet gezwungen worden waren, kehrten nach Kriegsende über die Hälfte zurück.
Die jungtürkische Deportationspolitik kannte außer Todesmärschen nur noch eine Alternative: den Bevölkerungsaustausch. Diesen hatte sie bereits 1914 der griechischen Regierung nahegelegt, doch das Projekt scheiterte nicht zuletzt am Widerstand des Ökumenischen Patriarchen. Zehn Jahre und weit über eine Million Tote später war Griechenland verhandlungswillig und niemand mehr in Welt willig oder fähig, das Existenzrecht der osmanischen Griechen in ihrer Heimat zu sichern.

Kyro Ponte: Es wird oft behauptet, dass Pontier zwischen 1914 und 1923 die Option hatten, nach Griechenland zurückzukehren. Ein großer Teil von ihnen entschied sich dennoch im Land ihrer Vorväter in der nördlichen Küste des Schwarzen Meeres zu bleiben. Ist das Massaker an diese Menschen kein Völkermord, nur weil die Fluchtoption offenstand?

Tesa Hofmann:Ich bezweifele ernsthaft, dass derartige Optionen im fraglichen Zeitraum bestanden. Zwischen November 1914 bis Ende Oktober 1918 war das Osmanische Reich Kriegsgebiet, mit allen Einschränkungen, die dadurch für die Reisefreiheit gegeben waren. Ab Mai 1919 bis zur Einnahme Konstantinopels im Herbst 1922 herrschten auf dem – noch – osmanischen Staatsgebiet während der so genannten Befreiungskämpfe der Kemalisten bürgerkriegsartige Zustände, ganz abgesehen von den Kriegshandlungen zwischen den kemalistischen Irregulären und der hellenischen Interventionsarmee. Nicht zu vergessen, dass der Beitritt Griechenlands in den Weltkrieg und an der Seite der Entente Griechenland zu osmanischem Feindesland machte, in das ein osmanischer Bürger nicht einfach überwechseln durfte, ohne sich des Hochverrats schuldig zu machen. Gleiches galt auch für den Übertritt auf das Staatsgebiet des Russischen Reiches, das im Übrigen nach der Februarrevolution 1917 zu zerfallen begann.
Die zeitgenössische Literatur bietet zahlreiche Beispiele, dass es für Christen, namentlich griechisch-orthodoxe Bürger des Osmanischen Reiches lebensgefährlich war, ihre Wohnorte zu verlassen und viele tatsächlich auf den Wegen zwischen ihrem Dorf und der nächsten Stadt oder Dorf ihr Leben bei Überfällen der Nationalisten verloren. Wenn es Christen – Griechen wie Armeniern – dennoch gelang, im Ersten Weltkrieg auf russisches Staatsgebiet zu flüchten, so war dies mit äußersten Gefahren für Leib und Leben verbunden.
Ganz abgesehen aber von der Frage, ob, wann und wo ein derartiger Übertritt auf griechisches oder russisches Staatsgebiet praktisch möglich gewesen wäre, ist eine Definition von Völkermord absurd, die den Opfern die Schuld an ihrer Vernichtung zuspricht, weil sie nicht die Flucht ins Ausland gewagt haben. Das käme, auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragen, der Behauptung gleich, dass die Schoah keinen Völkermord darstellen kann, weil ja Juden aus Deutschland und anderen Staaten bis zu einem gewissen Zeitpunkt sich noch ins Ausland hätten retten können.

Videomaterial: Dokumentarfilm des griechischen, staatlichen Fernsehsenders ET1 (Sprache: Griechisch, 21,27 Min)

Dokumente: Aus amerikanischen, österreichischen, britischen und französischen Archiven (Sprache: Englisch, 21,27 Min)

Quellen
[1] “It had already deported Greek civilians from the Anatolian shoreline into the interior (the Russians were doing much the same with Russian Jews in Tsarist Poland, the Habsburgs with their border Serbs). But these deportations were on a relatively small scale and do not appear to have been designed to end in their victims’ deaths. What was to happen with the Armenians was of a different order.” Aus London Review of Books, Mazower, Mark (2001): The G-Word, Vol. 23 No. 3, 19-21.
[2] Menschheit bzw. Menschlichkeit abhängig davon, wie man „humanity“ übersetzt.
[3] Crimes against humanity: For the purpose of this Statute, "crime against humanity" means any of the following acts when committed as part of a widespread or systematic attack directed against any civilian population, with knowledge of the attack: (a) Murder, (b) Extermination; (c) Enslavement; (d) Deportation or forcible transfer of population; (e) Imprisonment or other severe deprivation of physical liberty in violation of fundamental rules of international law; (f) Torture; (g) Rape, sexual slavery, enforced prostitution, forced pregnancy, enforced sterilization, or any other form of sexual violence of comparable gravity; (h) Persecution against any identifiable group or collectivity on political, racial, national, ethnic, cultural, religious, gender as defined in paragraph 3, or other grounds that are universally recognized as impermissible under international law, in connection with any act referred to in this paragraph or any crime within the jurisdiction of the Court; (i) Enforced disappearance of persons; (j) The crime of apartheid; (k) Other inhumane acts of a similar character intentionally causing great suffering, or serious injury to body or to mental or physical health, Aus Rome Statute of the International Criminal Court, PART 2. Jurisdiction, Admissibility and Applicable Law, Article 7.1

* Kyro Ponte (eigentlich Kyriakos Sidiropoulos) ist Neurowissenschaftler, Autor und Mitglied der Gesellschaft Griechischer AutorrInnen in BRD.

** Frau Tessa Hofmann ist seit 1983 wissenschaftliche Angestellte am Osteuropa-Institut der FU Berlin, derzeit als Forschungsassistentin in der Abteilung Osteuropäische Soziologie tätig. Sie veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Geschichte, Kultur und Gegenwartslage Armeniens und der armenischen Diaspora, zur Genozidforschung mit dem Schwerpunkt des spätosmanischen Genozids an Christen, zu ethnischen und religiösen Minderheiten in der Türkei und im Südkaukasus.

 

Zuletzt angesehen