Sandra Hoffmann


Selten erleben wir das Leben ohne Widersprüche, die sind schon in uns, Gefühle streiten mit dem Verstand, oder mit der Intuition […]  Das müssen wir aushalten und wenn wir es differenziert betrachten, bereichert es uns, auch wenn das Mühe macht. Das Erschreiben dieser Differenziertheit, das interessiert mich, der Mensch im Spannungsfeld zwischen Ja und Nein


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Foto: Tobias M. Baur
 

Interview mit Sandra Hoffmann

Wo sind Sie aufgewachsen Frau Hoffmann?

Hoffmann: Ich bin mitten im ziemlich katholischen Oberschwaben aufgewachsen, als Kind auf dem Land, aufs Gymnasium ging ich dann in Biberach an der Riß, das war auch mein Bezugspunkt: die Provinzstadt also.

Wie würden Sie sich als Kind beschreiben?

Hoffmann:  Nun, ich glaube, ich war aufgeweckt, aber unter fremden Menschen eher schüchtern, manchmal menschenscheu, aber wenn ich mich sicher fühlte forsch, zuweilen sogar frech und vorlaut, und ich glaube, ich hatte ziemlich viel Witz. Brav war ich nie. Ich war phantasiebegabt und wißbegierig und aß gerne Dinge, die mir völlig unbekannt waren. Mein erster Seeigel, den probierte ich mit  elf Jahren, das war eine Geschmackssensation, ich werde das nie vergessen, in einem sehr guten Fischrestaurant in Brüssel, ich weiß noch heute, wie es darin aussah, nur wegen dieser Seeigelerinnerung.

Waren Sie eine gute Schülerin? Für welche Ihrer Charaktereigenschaften wurden Sie von Ihren Mitschülern geschätzt und für welche gehasst?

Hoffmann: Ich war zeitweise eine sehr gute Schülerin und zu anderen Zeiten eine richtig schlechte, ich mußte deshalb sogar mal eine Klasse wiederholen. Das hing von Lebensphasen ab und davon, ob Lehrer es schafften, mich für eine Sache zu begeistern.

Ich glaube meine Mitschüler mochten mich im Großen und Ganzen. Naja, manche auch nicht, fällt mir gerade ein, ich landete schon häufig in Brennesseln und auch samt Fahrrad im Bach. Vielleicht weil ich gerne recht hatte usw., ich weiß das nicht mehr so genau.

In Ihrem ersten Roman schwimmen gegen blond schildern Sie eine Frau, die sich nicht für und nicht gegen ihren Geliebten entscheiden kann. Was finden Sie so faszinierend an ambivalentem Verhalten?

Hoffmann: „Faszination“ ist das falsche Wort. Es fasziniert mich nichts an ambivalentem Verhalten, aber ich glaube, daß es ganz natürlich ist, daß wir Menschen in vielen Situationen im Leben ambivalent sind: und die Liebe ist ja nun nicht die einfachste Sache der Welt. Eine langjährige Beziehung ist selten immer einfach, und damit kämpft Rosa in „schwimmen gegen blond“, daß sie tatsächlich weiß, was sie an Max hat, aber eben auch, was ihr mit ihm fehlt! Es ist in Liebesbeziehungen selten alles gut oder schlecht. Und selten erleben wir das Leben ohne Widersprüche, die sind schon in uns, Gefühle streiten mit dem Verstand, oder mit der Intuition, man sitzt also im ganzen Diskurs seiner widerstreitendenden Anteile und muß schauen, was man damit macht und für Vieles gibt es nun mal keine wirklich geradlinige Lösung. Das müssen wir aushalten und wenn wir es differenziert betrachten, bereichert es uns, auch wenn das Mühe macht. Das Erschreiben dieser Differenziertheit, das interessiert mich, der Mensch im Spannungsfeld zwischen Ja und Nein, Hellem und Dunklem, und was daraus an Lebendigkeit entsteht.  - Oder dabei eben verloren geht.

Ist der Mensch ein liebendes Wesen?

Hoffmann: Wie ein Mensch sich entwickelt, ist doch sehr stark abhängig von seiner Sozialisation. Ich glaube, der Mensch ist zur Liebe genauso fähig wie zum Hass. Ein glücklicher Mensch ist vielleicht jedoch nur ein solcher, der lieben kann. Die Voraussetzung dafür ist jedoch, daß er auch weiß, wie sich Liebe anfühlt, also auch Liebe erfahren hat.
 
Haben Sie jemals geglaubt, dass Sie von einem Mensch alles bekommen könnten, wovon Sie jemals geträumt haben?

Hoffmann: Ja! Aber das führt(e) nicht dazu, daß ich ohne meine Freunde leben möchte oder kann.

Was könnte Sie glücklich machen?

Hoffmann: Könnte? Es kann mich manchmal schon ein richtig gutes Glas Rotwein glücklich machen. Ein richtig gutes Essen. Oder, wenn ich eine Stunde durch die Natur gelaufen bin, - (joggen ist ein scheußliches Wort)-, dann bin ich auch glücklich, aber das sind wohl einfach die Endorphine. Auch wenn mir ein besonders gutes Stück Text gelungen ist, sehr glücklich bin ich dann. Das ist dann der stille Stolz über gute Arbeit. Ein schöner Moment mit einem Menschen kann mich sehr glücklich machen. Ebenso Momente in der Liebe.Aber ich weiß nicht, ob es das langfristige Glück gibt, vielleicht am Ende von Hollywoodfilmen, aber da steht dann ja auch immer gleich: „the end“.

Ist Glück das, wonach der Mensch streben sollten?

Hoffmann: Ich kann nicht für die Allgemeinheit sprechen! Ich denke nur, je zufriedener der Einzelne mit sich selbst ist, desto größer die Masse an Zufriedenheit in der Gesellschaft. Und Zufriedenheit, also für einen Moment einfach ruhen, ohne irgendetwas zu wollen, zu ersehnen, zu erwarten, das ist dann in diesem Moment schon ein ziemliches Glück.

Macht die Summe seiner Triumphe und Erfolge einen Menschen glücklich?

Hoffmann: Ach was! Na gut, ob das bei anderen so ist, weiß ich nicht. – Bei mir ist das nicht so. Natürlich macht mich Erfolg sehr froh, für Augenblicke auch glücklich, aber meist hält das nicht lange an, und ich will etwas Neues schaffen oder erreichen.
 
Sie waren im Jahre 2006 in Mumbai (=Bombay, Indien). Zu welchem Anlass sind Sie nach Indien gereist?

Hoffmann: Ich war dort im Rahmen eines Austausches der Goethe-Institute und der Literaturhäuser in Deutschland für vier Wochen Stadtschreiberin. Ein richtiges Geschenk war das!
 
Was war in Indien besonders fremdartig und abstoßend für Sie und was könnte dort zu ihrer Heimat werden?

Hoffmann: Daß viele Männer in Indien immerzu ausspucken (und davor nicht gerade angenehme Geräusche machen) hat mich unglaublich genervt, diese rote Betelbrühe überall auf den Gehsteigen, an den Taxis usw. usw., das ging mir ziemlich auf die Nerven. Daß ich, als Europäerin, immerzu aufgefallen bin, das war mir nicht angenehm. Ich hab es nicht ungern, wenn ich diejenige bin, die schaut. Dort war es anders: ich konnte nur so schauen, daß klar war, daß mein Schauen niemanden meint. Das mußte ich erst lernen. Das Fremde, absolut fremde Leben, Dasein, Erscheinungsbild der Menschen, der Stadt, das hat mich regelrecht high gemacht, angetörnt, ich wollte immerzu weiter kucken, in der Unruhe fühlte ich mich zuhause, im Leben auf der Straße. In Bombay herumzulaufen, das war wie Kino, nein, besser: egal wo man stand, immerzu passierte etwas. Fremd war mir Deutschland nach der Rückkehr und langweilig, traurig die Aufgeräumtheit, die Angepaßtheit und daß eigentlich auf der Straße kein wirkliches Leben stattfindet. Alles so glatt. Oberfläche.  

Sie sind Organisatorin der Lesungsreihe "Buch & Bühne" am Landestheater Tübingen. Erzählen Sie uns ein wenig über diese Tätigkeit.

Hoffmann: Ja, und ich bin auch die Moderatorin. Darauf lege ich großen Wert, denn ich mache da etwas, wovon ich immer dachte, ich könne es gar nicht. Als ich am Anfang, im Jahr 2003, damals noch mit Björn Kern zusammen, der nun in Konstanz lebt und auch Autor ist, die Reihe (für junge deutschsprachige Literatur) konzipiert habe, dachte ich gar nicht daran, daß das ja auch bedeutet, moderieren zu müssen: aber plötzlich standen wir da auf der Bühne des Theaters im Scheinwerferlicht und mußten es tun, taten es und machten sicher vieles falsch. Aber das war egal, das ist bis heute egal. Um Perfektion geht es nicht. Es geht darum, gute (junge) Literatur gut oder adäquat zu präsentieren, und so, daß es eben nicht langweilig ist. Ich habe dabei sehr viel gelernt und inzwischen macht mir das Moderieren einen wirklichen Spaß, ich tue es gerne, aber es verlangt mir auch viel ab: nämlich auszuhalten, (öffentlich) Fehler zu machen, mal gut, mal schlecht zu sein, spontan und manchmal auch für kleine Momente sprachlos. Aber eben immer ich selbst. Als Jürgen Wertheimer noch die Tübinger Poetik-Dozentur organisiert und durchgeführt hat, habe ich für ihn gearbeitet und ihn sehr bewundert, vor allem für seine unglaublich zugewandte und gute, immer kluge und gleichzeitig unterhaltsame Einführung der von ihm eingeladenen Autoren, für seinen Witz und seine Kenntnis der Texte, und ich mache zwar alles ganz anders als er und habe nie versucht ihm nachzueifern, aber er war dennoch mein Lehrer.

Aber, die Reihe: Mit meiner buch&bühne-Reihe versuche ich einen Querschnitt durch die junge deutsche Literatur. Das Konzept: Autoren bis zum ca. vierzigsten Lebensjahr lesen aus ihrem ersten, zweiten, dritten Buch und haben eine Vorgruppe aus Studenten, die am Studio Literatur und Theater an der Universität Tübingen Scheine in kreativem Schreiben machen. Einen Kurzfilm gibt es auch, meist von einem ganz tollen Jungfilmer namens Konrad Bohley, der in Köln an der Internationalen Filmhochschule bei van Ackeren studiert. Die Atmosphäre ist locker und die Umgebung eben die Theaterbühne, samt Ausleuchtung, Ton und allem drum und dran. Das geht auch nur, weil die Techniker des Landestheaters Ton und Licht fahren, also da sitzen, als würde auf der Bühne ein Stück gespielt.
 
Im Februar ist ihr neuster Roman erschienen.  Um was geht es in diesem Roman?

Hoffmann:  Er heißt „Liebesgut“, ist letzte Woche bei C. H. Beck erschienen, wie meine anderen beiden Bücher auch schon, und im Roman geht es darum, daß etwas nicht einfach SO ist oder SO. Um eine ganz existentielle Erfahrung mit der Liebe, und daß es nie nur die eine Wahrheit gibt.   

                                                                                                                            ■ Das Interview führte Kyro Ponte im Februar 2008

 

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