Mikis Theodorakis

Aus allem, was ich an Eindrücken in mich aufnahm, erschuf ich meine eigene musikalische Welt. Ich wollte, dass diese Welt irgendwann erklingt. Gewisse Hemmungen verspürte ich wenn ich einem Giganten wie Beethoven begegnete und mich mit ihm verglich. Dann musste ich innehalten. Das beeinflusste mich sehr. Es drang tief in mich ein. Bis ich mich schließlich auch davon löste.

 

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Bild: Aus Wikipedia.de

Interview mit Mikis Theodorakis

Das folgende Gespräch mit Mikis Theodorakis entstand bei der Vorbereitung zweier Projekte, die Asteris Kutulas die letzten beiden Jahre intensiv beschäftigten: dem Buch „Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern“ und dem Dokumentarfilm für ARTE „Mikis Theodorakis. Komponist“. Beide Projekte offenbaren – wie auch das folgende Interview zeigt – das mehr unbekannte und verschüttete musikalische Werk dieser unikalen Persönlichkeit. Der ausgewählte Auszug behandelt die nomadische Kindheit von Theodorakis: Chios (1925), Lesbos (1925-28), Siros (1929), Ioannina (1930-32), Argostoli (1933-37), Patras (1937-39), Pyrgos (1939-40), Tripolis (1940-1943). In diesen Jahren wird für Theodorakis die Musik zum dramatischen Haltepunkt, zum Lebensweg. Die Distanzierung von der äußeren Welt und die Selbstisolation führen zu einer fanatischen Hinwendung zur Komposition.


Wann hast du begonnen, dich mit Musik zu beschäftigen?

Theodorakis: Als Kind ging ich immer in die Kirche und sang dort auch byzantinische Hymnen, vor allem die Karfreitagshymnen. Jeden Sonntag besuchte ich den Gottesdienst. Mit Hilfe der Violine und weil ich auch im vierstimmigen Chor des Gymnasiums mitsang, drang ich allmählich in den Vorhof der westlichen Musik ein. Der eröffnete sich mir als jungem Komponisten – oder besser gesagt als damaligem Liederschreiber –, wenn ich Lieder komponierte. Die ersten schrieb ich, als ich zwölf war, in Patras um 1937, später in Pyrgos und Tripolis.

Du hast viele Texte neugriechischer Dichter vertont ...

Theodorakis: Mein Vater war ein Büchernarr. Wir hatten enorm viele Bücher und lasen besonders gern Gedichte. Deshalb basierten damals all meine Lieder auf den Versen der besten griechischen Dichter wie z.B. auf denen von Dyonisios Solomos und Kostis Palamas, um nur die zwei wichtigsten zu nennen. Zwischen 1937 und 1942 entstanden ungefähr 100 bis 120 Lieder. Und in Tripolis kam noch etwas hinzu: die Chormusik. In dieser Stadt gab es den Musikverein Tripolis, in dem ich Mitglied wurde. Der Verein hatte einen vierstimmigen Laien-Männerchor gegründet und führte Auszüge aus Werken klassischer europäischer Komponisten auf, wie z.B. Verdi und Rossini, Brahms, Beethoven und Schubert. Natürlich umfasste das Repertoire auch Werke von einigen griechischen Komponisten.


In Argostoli, wo es ja keine türkische, sondern nur eine venezianische Besatzungsmacht gab, herrschten italienische Traditionen vor. Dort wurdest du zum ersten Mal Mitglied in einem Kirchenchor ...

Theodorakis: In Argostoli lebten wir zwischen 1933 und 1937. Kurz danach, als ich dort auf die Schule kam, bat uns ein Priester, ein sehr höflicher Mensch, die Nationalhymne vorzusingen. Er wählte mich aus für den Chor. In der Kirche brachte er uns die vier Gesänge der Karfreitagsliturgie bei. Weil ich damals eine sehr schöne Sopranstimme hatte, sagte er im dritten Jahr zu mir: „Du wirst den ersten Vers zunächst allein singen, und wir setzen danach ein.“ Und nun stell dir vor: die große Kirche einer Provinzstadt, voller Menschen, ich, völlig ahnungslos im Hinblick auf das, was ich gleich erleben würde, begann als Einziger zu singen. Und plötzlich sah ich meine Stimme aus meinem Mund entströmen, die ganze Kirche ausfüllen, rundum schweben wie ein kleines Vögelchen, ganz einsam und allein ... Das war für mich etwas unbegreiflich Schönes. Meine Stimme hatte sich von mir entfernt. Eine unglaubliche Erfahrung. Und gleichzeitig sah ich die Menschen, wie sie mir aufmerksam zuhörten. Ich war völlig hingerissen. Das sollte ich viel später als Dirigent noch etliche Male erleben.

In Argostoli auf Kefalonia hast du auch zum ersten Mal in deinem Leben jemanden dirigieren sehen und wusstest nicht, was er da tat.

Theodorakis:
Ja. Auf dem Vallianos-Platz trat jeden Sonntag ein so genanntes Philharmonisches Orchester auf. Drumherum gab es Caféhäuser, Konditoreien und andere Geschäfte. Meine Eltern gingen oft mit mir zu diesen Konzerten. Dort sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Dirigenten, einen Menschen, der irgendwie zwanghaft mit seinen Armen herumfuchtelte. Das beeindruckte mich sehr. Ich schaute ihm verwundert zu und fragte meine Mutter: „Mama, was macht dieser Herr da?“ Und meine Mutter antwortete mir mit dem unglaublichen Satz: „Er leidet.“ Da begriff ich, dass Kunst und Musik Schmerz bedeuten.

Du hast als Dirigent immer gelitten?

Theodorakis: Natürlich.

Ist es nicht schön zu dirigieren? Hebst du dabei nicht ab?

Es ist ein süßer Schmerz.

Süßer Schmerz?

Theodorakis: Ja, ein süßer Schmerz. Man hat doch eine riesige Verantwortung, wenn man vor anderen Menschen steht und dirigiert. Dieser Stress! Furchtbar. Das führt dazu, dass du leidest und dich fragst: „Geht nun alles gut? Schaffe ich es? Wird einer falsch spielen? Mache ich vielleicht eine falsche Bewegung mit der Hand?“ usw. usf. Und je öfter ich dirigierte, desto mehr wurde aus dem Schmerz ein unglaubliches Wonnegefühl, die pure Lust.

Glaubst du, dass deine Mutter damals diese Art von Leid meinte, oder hat sie vielleicht etwas ganz anderes im Sinn gehabt, als sie sagte: „Er leidet“?

Theodorakis: Ich glaube, meine Mutter dachte auch so wie ich: Dass ich, wenn ich ein Lied singe, das mir sehr gefällt, zugleich einen süßen Schmerz empfinde – und zwar jedes Mal.

Du schreibst in deiner Autobiografie auch, dass deine Mutter, wenn sie sang, etwas ganz Bestimmtes ausstrahlte, so dass ihren Zuhörern die Tränen kamen.

Theodorakis: Stimmt. Aber jetzt singen die Menschen ja nicht mehr. In meiner Jugend sangen wir sehr viel. Wenn du in die Gesichter der Menschen schautest, kam es dir immer vor, als wollte der Singende eigentlich weinen. Er sang ein Lied oder wir sangen alle gemeinsam, und es war, als würde etwas unser Innerstes zerreißen. Ich habe immer noch den Eindruck, dass wirklich große Interpreten, vor allem Sänger, aber auch bedeutende Dirigenten sich so verhalten, als würden sie während ihres Auftritts operiert werden. Da kommt etwas sehr tief aus ihrem Innersten heraus. Das ist nicht nur die Wirkung von Musik. Es ist, als würde man etwas aus ihrem Fleisch herausschneiden. Ich glaube, dies erlebt man in der Kunst und besonders in der Musik, der unmittelbarsten aller Künste. Denn die Musik dringt tief in dein Innerstes hinein und verursacht dabei immer einen Schmerz.

Die Literatur hat dich nicht nur als Materialfundus für die Vertonung deiner Musik interessiert. Die Literatur spielte damals eine existenzielle Rolle in deinem Leben.

Theodorakis: Eine sehr große Rolle. Damals schrieb ich auch selbst viele Gedichte. Ich sah im Prozess des Dichtens etwas viel Bereinigendes, etwas viel Umfassenderes, viel Poetischeres, viel Erlösenderes als im Akt des Komponierens. Die Dichtung stand an erster Stelle. Sie berührte mich mehr als alles andere, und zum Glück hatten wir die Lyrikbände fast aller großen griechischen Dichter zu Hause. Später kamen noch die neugriechischen Übertragungen der antiken Tragödien von Griparis dazu.
Nach dem Umzug nach Tripolis 1940 fand ich dort einen sehr inspirierenden Freundeskreis. Alle meine Freunde schrieben. In der Stadt lebte ein bedeutender Philosoph, Herr Papanutsos, Direktor der Lehrakademie. Unter seiner Anleitung setzten wir uns ernsthaft mit Literatur auseinander. Er ließ uns auch im Altgriechischen einüben: ich übertrug z.B. Texte von Platon ins Neugriechische und einer meiner Freunde übertrug Texte von Homer. Wir machten das sehr gerne. Und am meisten gefiel es uns, Ausflüge ins Umland der Stadt zu machen und die Gedichte zu rezitieren, die wir auswendig gelernt hatten – sowohl klassische als auch moderne. Ich schrieb sehr viel, Literatur stand damals für mich an erster Stelle und erst an zweiter die Musik.

Etwas anderes Charakteristisches in deiner Jugendzeit war deine Isolation. Du hattest weder in Patras noch in Pyrgos und die erste Zeit auch in Tripolis keinen Kontakt zu Gleichaltrigen. Du warst wesentlich größer als alle anderen, was dir nicht sehr viel Sympathie einbrachte und was dazu führte, dass du dich zurückgezogen hast und dem Pessimismus hingabst. Auch das trieb dich schicksalhaft in die Arme der Musik.

Theodorakis: Ja, hauptsächlich in die Arme der Musik, aber nicht nur. Diese Furcht, die ich vor „Fremden“ hatte, prägte sich bei mir damals immer mehr aus. Ich war oft ausgelacht oder johlend empfangen worden, nur weil ich ein langer Lulatsch und weil ich aus einer anderen Stadt gekommen war, das war grauenhaft. Zuflucht fand ich vor allem in der Musik. Das war zwar gut für mich, weil ich die Musik ja genoss. Zugleich verstärkte das aber auch meinen inneren Schmerz, weil mich ja diese Gesellschaft zum Hausarrest und zur Isolation zwang. Das dauerte so lange, bis ich auf’s Gymnasium kam, dort andere Kinder kennen lernte und irgendwann einen Freundeskreis hatte.

Also etwas später, in Tripolis um 1942, waren die Schikanen dann endlich vorbei?

Theodorakis: Ja, aber meine diesbezüglichen Erfahrungen hatten mich bereits geprägt. Dann folgten die Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs, der Schwarzmarkt, meine Desillusionierung usw. Ich verließ die Stadt, zog eine Zeitlang zusammen mit anderen ins Gebirge und sah, wie Partisanen kollaborierende Gendarmen hinrichteten. Für mich war das grausam. Obwohl die Gendarmen unsere Feinde waren, ertrug ich das nicht. Ich schrie: „ich will nicht, dass ihr einen Gefangenen tötet.“ Und ich verließ die Berge wieder, kehrte in die Stadt zurück. Und weißt du, was ich in dieser Zeit tat? Ich schrieb meine „Evangelien“. Ich schrieb tatsächlich „Evangelien“. Diese zeugen vom Zweifel eines Menschen, der sich total in sich verkriecht. In diesem Augenblick meines Lebens, als ich die Erfahrung in den Bergen machte, war meine Abneigung gegen alles um mich herum so groß, dass ich mich in mein Zimmer einschloss und nicht mal meinen Vater und meine Mutter sehen wollte.
Ich blieb drei Monate in meinem Zimmer und hatte ein Schild an die Tür gehängt: „Stellt Essen, Brot und Wasser vor die Tür, und geht! Ich will euch nicht sehen. Wenn ich an die Wand klopfe, bedeutet es, dass ich auf die Toilette muss. Lasst euch dann nicht auf dem Flur blicken! Sollte ich auch nur einen von euch sehen, verlasse ich euch und geh wieder in die Berge.“ Ich machte Terror und blieb ganz für mich alleine. Was ich die ganze Zeit trieb? Ich schrieb einen Roman in der Art von Knut Hamsuns „Victoria“, denn damals war ich in einer anderen Welt.

Was für Bücher hast du damals gelesen?

Mikis Theodorakis: Ich liebte die russischen und auch die skandinavischen Schriftsteller. Ich las alles Mögliche, denn unsere Bibliothek war sehr umfangreich. Den „Faust“ von Goethe zum Beispiel, aber auch andere deutschsprachige Autoren wie Friedrich Schiller. Ich las viel Nietzsche und Schopenhauer, der mich sehr beeinflusste, und natürlich alle griechischen Autoren wie z.B. Kostas Karyotakis. Ich glaubte, ich sei ein Todgeweihter. Damals machte ich auch einen Selbstmordversuch. Ich hab viele Tabletten geschluckt. Ich wollte das Leben der Gesellschaft, in der ich lebte, nicht akzeptieren. So bin ich zu einer Kirche außerhalb von Tripolis gegangen. Ich hatte sehr viele Aspirintabletten bei mir und eine Flasche Wasser. Um mich langsam zu betäuben, schluckte ich abwechselnd immer zwei Tabletten, dann Wasser. Doch plötzlich kam mir ein neues schönes Lied in den Sinn, das ich sofort niederschrieb. Dieses Lied brachte mich zurück.

1937 hattest du dir in Patras eine Mundharmonika gekauft?

Theodorakis: Ach, ja! Ich war damals 12. Wenn man eine Hohner kaufte, gab es dazu ein Beilage-Heft mit Stücken, die man spielen konnte. Stücke von Brahms, aber auch Teile aus der „Apassionata“ von Beethoven, also vor allem deutsche Melodien. Es gab eine Hohner soprano, eine Hohner alt, eine Hohner bariton und eine Hohner bass. All diese Mundharmonikas besorgten wir uns, und ich gründete ein Mundharmonika-Orchester, das auch auftrat. In Pyrgos organisierte ich Konzerte mit diesem Orchester, denn der Klang war wirklich sehr schön.

Und wie war das mit deiner Violine?

Theodorakis: Das war zur selben Zeit. Aber mit der Violine entwickelte ich eine andere Beziehung. Da gab es die Übungen, die man absolvieren musste. Mich interessierte die Violine irgendwann mehr als Instrument, mit dem ich auch meine eigene Musik komponieren konnte. Ich improvisierte und spielte ständig. Ich begann mit einer Übung und machte ein eigenes Stück daraus. Dasselbe passierte später mit dem Klavier. Ich spielte hunderte Stunden auf dem Klavier nur für mich selbst, genauso wie mit der Violine, weil mich das unglaublich interessierte. Ich dachte mir ständig Melodien aus. Ich begriff, dass ich etwas Eigenes erschuf, in dem Augenblick, wenn ich es zu Papier brachte. Die Tatsache, dass ich die Noten meines ersten Liedes Schwarz auf Weiß auf dem Notenpapier aufgeschrieben hatte war für mich viel bedeutender als das Lied selbst. Das empfand ich als eine unglaubliche Errungenschaft. Das war wie bei einem Analphabeten, der zum ersten Mal in seinem Leben das Alphabet lernt. Es war für mich etwas sehr Bedeutsames.

Mich hat überrascht, dass du die neuere griechische Musik jener Zeit gar nicht kanntest, denn es gab ja keinen Rundfunk; Fernsehen gab es sowieso nicht, es gab in der Provinz keine Schallplatten. Wie habt ihr überhaupt Musik gehört?

Theodorakis: In den dreißiger Jahren waren die Schlager populär. Die wurden im Kino vor jeder Filmvorführung gespielt. Man verkaufte dort billige Heftchen mit den Schlagertexten, die dann während des Vorfilms gesungen wurden. Wir setzten uns ins Kino, hörten die Musik und lasen die Verse. Das Ganze wurde zwei- oder dreimal wiederholt. Wie bei einer Übung. Nach einer Woche sang ganz Griechenland dieses Lied. Das war ein Phänomen. Viele fragen sich, wie es möglich war, dass ganz Griechenland diesen und jenen Schlager jener Zeit gekannt hat. Das war möglich durch die Kinos. Diese Lieder sangen wir ständig.

Wie hießen denn die Stars jener Zeit?

Theodorakis: Sojul und Jannidis schrieben die Hits. Bedeutende Sängerinnen waren Sophia Vembo, Danai, Kakia Mendri, Stella Greca usw.

Du hast damals auch selbst viele Lieder geschrieben, zwischen deinem 12. und 17. Lebensjahr ...

Theodorakis: Viele der Lieder, die ich als Kind schrieb, waren dazu gedacht, dass wir sie gemeinsam am Tisch singen konnten. Das taten wir immer nach dem Essen. Seitdem ich meine eigenen Songs zu schreiben begann, war das gemeinsame Singen für mich viel wichtiger geworden. Ich sagte: „Setzt euch hin und singt.“ Mein Bruder sang die zweite Stimme, aber auch meine Mutter und mein Vater begleiteten mich. So probten wir die ganze Woche lang. Und immer sonntags, als mein Vater seine Freunde eingeladen hatte und das Essen aufgetischt wurde, boten wir ihnen eine perfekte Aufführung. Alle vier gaben wir ein Konzert mit meinen neuesten Liedern.
Es gefiel mir damals sehr, wie meine Mutter und mein Vater Walzer tanzten, darum war mein erstes Lied ein Walzer. Außerdem sang meine Mutter oft Lieder aus Kleinasien. Diese wiesen zwar anatolische Einflüsse auf, aber weil Smyrna eine Großstadt war, hatten diese Lieder bereits einen mehr europäischen Charakter.
Ich muss allerdings sagen, dass ich mich dem Tradierten sehr bald entzog und meine eigenen Sachen machte. Die äußeren Reize wirkten zwar in mir ein, aber nicht mehr. Du wirst z.B. kein Lied mit einem 7/8tel-Rhythmus bei mir finden, keinen Kalamatianos. Das heißt, ich nahm zwar alles Mögliche auf, begriff aber mit der Zeit, dass sich in mir ein eigenes musikalisches „Reservoir“ gebildet hatte. Das Problem war: Wie sollte sich nun dieses „Reservoir“ entäußern? Meine einzige Chance bestand darin, diese Musik aufzuschreiben. Und das war der Grund dafür, dass ich so darauf brannte, an die Musikschulen zu gehen und Musik zu studieren, um meine eigenen Kompositionen aufschreiben zu können. Das riesige „Reservoir“ in mir nahm immer mehr persönlichen Charakter an. Wenn man die Quartette von 1945 hört – die ersten Lieder schrieb ich mit 16 Jahren, die Quartette dann mit etwa 20 –, wird man bereits feststellen, dass sie mit nichts anderem vergleichbar sind. Aus allem, was ich an Eindrücken in mich aufnahm, erschuf ich meine eigene musikalische Welt. Ich wollte, dass diese Welt irgendwann erklingt. Gewisse Hemmungen verspürte ich wenn ich einem Giganten wie Beethoven begegnete und mich mit ihm verglich. Dann musste ich innehalten. Das beeinflusste mich sehr. Es drang tief in mich ein. Bis ich mich schließlich auch davon löste.

Du hattest ja deine gesamte Kindheit in der griechischen Provinz verlebt, weit weg von Athen, ohne dass du großartig mit klassischer oder moderner Musik in Berührung gekommen wärest ...

Theodorakis: Das stimmt. 1942, während der Zeit der deutschen Besatzung, sah ich in einem Kino in Tripolis einen deutschen Film und hörte so zum ersten Mal das Finale der „9. Sinfonie“ von Beethoven. Dabei entdeckte ich zwei Dinge. Das eine kannte ich bereits, den Chor. Dieser war jedoch ein großer Chor, sehr ausgereift, gewaltig, atemberaubend. Neu war für mich, dass der Chor von einem sinfonischen Orchester begleitet wurde ... Das war’s! Also zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich ein sinfonisches Orchester! Das war damals der Unterschied zwischen uns in Griechenland und den Menschen in den westeuropäischen Ländern. Ich war bereits sechzehn Jahre alt und hörte zum ersten Mal sinfonische Musik. Und das bei einer Filmvorführung im Kino!

Was löste diese Erfahrung in dir aus?

Theodorakis: Die „9. Sinfonie“ machte einen so überwältigenden Eindruck auf mich, dass ich krank wurde. Ich bekam hohes Fieber. Als ich wieder gesund war, erklärte ich meinem Vater, dass ich mich von allem anderen verabschieden werde. Ich war damals sehr gut in Mathematik und wollte eigentlich am Polytechnikum studieren, um Architekt zu werden. Und nun sagte ich plötzlich zu meinem Vater: „Ich gehe vom Gymnasium ab. Ich werde nicht studieren. Ich will nur eins: Musik schreiben.“ – „Aber“, erwiderte mein Vater, „ist dir klar, wer die 9. Sinfonie komponiert hat?“ Ich antwortete: „Ja, weiß ich. Beethoven.“ – „Es gibt nur einen Beethoven“, meinte mein Vater. „Und ein weiterer bin ich.“, entgegnete ich. „Also gibt es zwei.“

Wie hat dein Vater auf diese Aussage reagiert?

Theodorakis: Meinem armen Vater blieb nichts anderes übrig, als nach Athen zu fahren und mir Musikbücher zu besorgen, damit ich auf musikalische Entdeckungsreise gehen konnte. Mit der Violine hatte ich bereits die Tonleitern und auch die einfachsten Akkorde usw. kennen gelernt. Doch jetzt ging’s erst richtig los. Ich setzte mich hin und las. Ich studierte die westliche Musik erst einmal autodidaktisch, bis ich 1943 ans Konservatorium von Athen ging, um Komposition zu studieren.

Das ist aber bereits eine andere Geschichte ...


© Das Interviw führte Asteris Kutulas. Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas

Von Asteris Kutulas ist gerade erschienen: Mikis Theodorakis. Ein Leben in Bildern, 160 Seiten, ca. 300 Abbildungen mit 1 DVD und 2 Cds, Hardcover mit Schutzumschlag, € 49,95 / sFr 81,00, ISBN 978-3-7957-0713-2 ED 20854

 

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