Ilija Trojanow

I. Wo der Staat Teil der Mafia ist

Von Ilija Trojanow (Juni, 2006)

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Foto: Aus wikipedia

Der Geschäftsmann: Puppen sind gefährlich, wenn sie sich einbilden, die Fäden zu ziehen. Wenn sie meinen, das Geld, das sie verwalten, gehöre ihnen. Wenn sie so reden, als hätten sie eine eigene Stimme und einen eigenen Verstand. Ilija Pawlow war so eine Puppe. Laut Schätzungen war er mit seinem Privatvermögen von 1.5 Milliarden Dollar der achtreichste Mann in Osteuropa. Dabei hatte er sein Berufsleben als Ringer begonnen, als mittelmäßiger Ringer. Einige Jahre später gehörte ihm der größte bulgarische Konzern — Multigrup! Pawlow erhielt Orden von Russland und von Israel, er ging ein und aus bei Ex-König und Präsidenten. Und irgendwann begann er an die Rolle zu glauben, die er ausfüllte. Er wollte — als Puppe! — graue Eminenz spielen. Er begann, Deutsche, Engländer und Amerikaner in den Aufsichtsrat von Multigrup zu bringen, und er investierte das Kapital des Konzerns zunehmend in den USA. Er löste sich von der russisch-bulgarischen Mafia, die ihn erschaffen hatte, und das konnte sie nicht zulassen, denn keine Mafia kann verzeihen, daß sich jemand von ihr entfernt. Offensichtlich hat Ilija Pawlow Signale erhalten, daß er auf der Abschußliste stand, denn als Vladimir Putin in Sofia zu Staatsbesuch war, drang Pawlow mithilfe einer gefälschten Einladung zum Empfang in der russischen Botschaft ein und stürzte auf Putin zu, doch dieser weigerte sich, mit ihm zu reden. Einige Tage später, beim Verlassen seines Büros, umgeben von zehn Bodyguards, traf ihn ein Schuß mitten ins Herz. Das war im März des Jahres 2003. Zur Totenmesse erwies ihm die gesamte Elite des Landes — die Fotos in den Zeitungen hatten eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Beerdigungsszenen bei den drei Paten-Filmen von Francis Ford Coppola — die letzte Ehre. Und als er in seinem Heimatdorf Arbanasi im Norden Bulgariens beerdigt wurde, standen sieben Bischöfe an seinem Grab -  die absolute Mehrheit der Heiligen Synode des Landes. Kein anderer Bulgare ist je mit solch hochrangigem Beistand verabschiedet worden.

   Die organisierte Kriminalität: Wie alle anderen Auftragsmorde blieb auch dieser ungesühnt. Kein Wunder, wenn man dem ehemaligen stellvertretenden Chef der Politischen Polizei Zviatko Zwetkow glauben möchte, der einer bulgarischen Zeitung gegenüber erklärte: „Ein Auftragsmord ohne Duldung oder Mitarbeit der Polizei ist nicht möglich. Die Polizei ist als Emanation des Staates ein fester Bestandteil auch der organisierten Kriminalität.“ Alle Jahre wieder wird ein Krieg gegen die Mafia erklärt, gegen Korruption, Waffen- und Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Schutzgelderpressung, falsche Kredite und Betrug aller Art, und jedes Mal erweist sich der Krieg als harmlos. Die bulgarische Mafia ist ein Resultat der totalitären Vergangenheit. In Sizilien formte sich die Mafia, als das Habsburger Imperium sich zurückzog und die Mehrheit seiner Angestellten in Armee und Polizei arbeitslos wurden. Die Mafia wurde in der Folgezeit zu einem Annex des Staates. In Ländern wie Bulgarien oder Rußland hingegen gründet die Macht der Mafia auf die Allmacht der Kommunistischen Partei und der Staatssicherheitsdienste. Die Nomenklatura erschuf einst eine parallele Schattenwirtschaft, um mit Waffen, Drogen und anderen lukrativen Dingen zu handeln, vor allem um Devisen zu verdienen. Und als die Wende kam, erwiesen sich diese Strukturen als sehr nützlich, durch vielfältige Metamorphosen und Mutationen das geraubte Volksvermögen in privates Kapital umzuwandeln. Hält man sich den Spruch von Lenin vor Augen, daß Diktatur die von keinem Gesetz eingeschränkte Macht ist, wird man verstehen, wie klein die Cosa Nostra im Vergleich zu der Krake der Mafia in Russland ist. Letztere hat die eigene Gesellschaft infiziert und ist in der Lage, auch die alten EU-Länder anzustecken. Die hierarchische Struktur des Imperiums mit dem Zentrum in Moskau spiegelt sich in den heutigen Mafianetzen wider, denn die Nabelschnur ist vielleicht langgezogen, aber noch nicht durchtrennt.

   Der Generalstaatsanwalt: Nikola Filtschew war — wie die meisten hochrangigen Vertreter des bulgarischen Staates — Mitarbeiter der Staatssicherheit vor 1989, und vielleicht auch des KGB. Nach der Wende gebärdete er sich zuerst als Oppositioneller, doch nach dem Fall der konservativen Regierung von Iwan Kostow, begann er regelmäßig nach Moskau zu reisen. So erfolgreich verliefen seine Aufenthalte dort, daß ihm Putin vor nicht allzu langer Zeit einen hohen Orden für besondere Dienste am russischen Staat verlieh und eine 15kg schwere, illustrierte und vergoldete Geschichte Russlands mit dem Titel: „Russland — ruhmreiches Schicksal“ überreichte. Die Zeremonie fand in der russischen Botschaft in Sofia statt. Ein etwas angetrunkener Filtschew erhob sich und rezitierte ein Gedicht: „Wie Russland gibt es kein zweites Land so mächtig auf Erden, sie ist unser Fundament, sie ist unser Vorbild.“ Und dann sprach er mit Tränen in den Augen über das gemeinsame Schicksal von Russland und Bulgarien, und die vielen anwesenden Uniformierten nickten zustimmend. Sieben Jahre lang, von 1999 bis 2006, hat Nikola Filtschew das Verbrechen bekämpft. In dieser Zeit wurden Hunderte von Auftragsmorde an führenden Geschäftsleuten ausgeführt, und es gab Tausende von Toten unter den niederen Chargen, ob aus der schwarzen, der grauen oder der weißen Wirtschaft. Und wie viele dieser Morde hat seine Behörde aufgeklärt? Keinen einzigen! Kein einziger Mafiaboss wurde je angeklagt, kein Killer zur Strecke gebracht. Filtschew verhinderte jegliche Untersuchung, die auf die Einmischung der russischen Mafia hingewiesen hätte. Nach seiner Amtszeit verlangte die Opposition, er selber soll wegen diverser Verbrechen angeklagt werden, also wurde er zu seinem Schutz als Botschafter nach Kasachstan geschickt.

 

II. Eine Liebeserklärung. Und hätte ich nur eine Sprache

Von Ilija Trojanow

Sehr geehrte Damen und Herren,

erlauben Sie mir, daß ich ein Loblied auf meine Geliebte singe. Vielleicht schmunzeln sie schon oder ziehen inwendig eine Grimmasse, und fragen sich, ob dieser Herr extra nach Hannover angereist ist, um zu verklären, was ein jeder in seinen Himmel hebt. Würden Sie mein Bedürfnis eher verstehen, wenn Sie vernehmen, daß es sich bei meiner Geliebten nicht um eine universelle Schönheit handelt, um keine jener Grazien, die landauf landab allen den Kopf verdrehen. Im Gegenteil: Betrachten Sie mich als einen Minnesänger, einen Troubadour, der seiner Angebeteten treu bleibt, gerade wenn sie unerreichbar scheint oder von anderen verschmäht wird. Denn meine Geliebte, das muß ich Ihnen gleich gestehen, hat bessere Zeiten erlebt. Generationen von Chemikern erklärten Weltformeln mit ihr. Hochgebildete von der Oder bis zum Dnjepr erfanden sich neu in ihr. Juristen aus Japan und Süd-Korea suchten rechtliche Klarheit durch sie. Wer weltweit Staudämme baute, errichtete sein Fundament auf ihr und manch ein wichtiger Denker seiner Zeit vertraute sich gerade ihr an.

Doch dann hat sich meine Geliebte instrumentalisieren und kompromittieren lassen, sie war eine jener Bräute, die nach dem Untergang des Grauens geteert und gefedert wurden. Strenge Richter attestierten meiner Geliebten einen Hang zur Unmenschlichkeit. Auf einmal erschien sie recht hässlich, in jenen Tagen nach dem großen Krieg, und hätte man sich ihr entledigen können, sie wäre verstoßen worden wie eine Aussätzige. In den Jahrzehnten seitdem hat sich wenig daran geändert. In dem langen Winter der Selbstkrittelei wurden die Schönheiten des Südens so sehr gelobt wie die eigene verdammt. Italienisch, das sei wie Orangen auf der Zunge. Manche folgten the latest fashion und schworen auf die Überlegenheit des Englischen. Selbst die Werke, die geschrieben wurden, um meine Geliebte zu preisen, waren düster und selbstzerfleischend. Sie gehörte nicht zu jenen, die man zu einer Gala oder einem Opernball mitnahm; wer sich auf internationales Parkett begab, tanzte – egal wie ungelenk –, mit anderen, begehrteren.

Teer und Federn sind inzwischen abgerieben und abgefallen, aber meine Geliebte ist weit davon entfernt, die Attraktivität zurückzugewinnen, die sie einst ausgezeichnet hat. Aber trotzdem, oder gerade deswegen, will ich heute ein Hohelied auf sie singen. Was für ein uneinsichtiger Chauvinist, werden Sie vielleicht denken, aber mein Hohelied, meine Damen und Herren, ist politisch gänzlich unsuspekt, denn ich bin mit dieser Geliebten keine arrangierte, fremdbestimmte Beziehung eingegangen, ich trage in mir jene Vergleichskompetenz, die nur dem Polygamisten eigen ist. Ich hatte die Wahl, und somit die Auswahl; ich habe mich für sie entschieden, ich habe sie erwählt. Gerade weil ich gelegentlich fremdgehe, bin ich ein treuer Verehrer meiner Geliebten. Wir sind einander verpflichtet in Treu und Glauben, ich traue ihr, sie betreut mich. Wir teilen das Himmelsbett der Vertrautheit.

Ist die deutsche Sprache anderen Sprachen überlegen? Darf sie das sein? Impliziert eine solche Überzeugung eine feindselige Beziehung zu anderen Sprachen? Jeder Tennisprofi schwört auf seinen Schläger, und mein Schläger ist nun einmal die deutsche Sprache. Es gibt jede Menge Gründe, Deutsch zu lernen: um Büchner, Kafka oder Celan im Original zu lesen; um herauszufinden, was für ein schlechtes Deutsch die Nazis in alten Hollywood-Schinken brüllen; um sich mit hundert Millionen Menschen zu unterhalten; um Kanaksprak zu verstehen oder um ein persönliches Gleichgewicht zu schaffen, denn auf einem Bein – und mag das Bein auch anglosächsisch muskulös geartet sein –, steht es sich gar schlecht. Von mir werden Sie allerdings kein pragmatisch motiviertes Plädoyer für das Deutsche vernehmen, denn es drängt mich, kurz habe ich es aus den Augen verloren, zu einer Liebeserklärung.

      Zuerst sollte ich vielleicht schildern, wie ich ihr begegnet bin. Es war keineswegs Liebe auf den ersten Blick. Im Auffanglager Zirndorf bei Nürnberg gab es zwar schöne Spielzeuge im Kindergarten, aber keinen Sprachunterricht. Und kurz nach der Einschulung in München, die Klassenlehrerin hatte sich geweigert, mich aufzunehmen, weil sie schon zu viele Türken in der Klasse hatte, wurde mein Vater von seiner Firma nach Kenia geschickt, und dort besuchte ich eine britische, noch in der Kolonialzeit verharrende Internatsschule. Mit zwölf Jahren kehrte ich mit meinen Eltern nach Deutschland zurück und machte mich daran, Deutsch erneut zu lernen, aber dieses Mal richtig. Dabei half mir, daß ich inzwischen zu einem nimmersatten Bücherwurm ausgewachsen war. Bücher wurden so oft gewechselt wie Socken. Das erste erwachsene Buch, das ich las, war „Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt. Darauf folgten viele weitere. Was mich ich mich von vielen anderen jungen Lesern unterschied war das intensive Gefühl des Wunderns und der Bewunderung über meine Entdeckungen, dieses Staunen mit weitaufgerissenen Augen und tief offenem Ohr über die Schönheit und den Reichtum dieser Sprache, de ich ja erst kurz zuvor, in einem durchaus schon wachen und zur Reflexion fähigen Alter erlernt hatte. Nichts von dem, was sich mir in schillernder Vielfalt offenbarte, war selbstverständlich. Ich hegte frühe Trouvaillen von Trakl oder Celan wie einst Schürfer ihren ersten Diamantenfund. Dieses Staunen ist mir geblieben.

      Gefördert wurde diese Vernarrtheit von einer wunderbaren Eigenschaft meiner Geliebten: Sie ist offen und tolerant. Ja, das Deutsche ist ausländerfreundlicher als die Deutschen. Ich fühle mich darin aufgehoben, weil ich die Freiheit und den Spielraum verspüre, es zu verändern, es einerseits meinen Bedürfnisses anzupassen, andererseits mich darin einzubringen. Denn der Eingesprachte durchläuft zwei Phasen: In der ersten bemüht er sich um Anpassung, richtet seinen Ehrgeiz auf grammatikalische, idiomatische und lexikalische Korrektheit, will sich keinen Fehler nachsagen lassen. Er will nicht auffallen, weil er fürchtet, die Aufmerksamkeit der anderen würde negativ ausfallen. Dann emanzipiert er sich! Er realisiert, daß die Sprache fähig sein muß, seinen Weg, seine ganz eigene Identität, widerzuspiegeln, und wenn sie dazu nicht in der Lage ist, muß er sie dazu in die Lage versetzen. Und irgendwann einmal sagt er, aufrecht und selbstbewußt: Ich will, daß man dieser Sprache anmerkt, daß ich — und Menschen wie ich, Menschen aus Osteuropa, aus Anatolien und Andalusien — hierher kamen, hier gelebt haben, dieses Land mitgestaltet und verändert haben. Die Menschen, die diese Realität ablehnen, sollen sich nicht hinter ihrer Sprache verstecken können. Nun will er auffallen, weil er nicht daran zweifelt, daß sich die Aufmerksamkeit der anderen auf seine Stärke richtet. In diesem Augenblick wird er von einem Zögling zu einem Liebhaber, und das ist der Moment der Ermächtigung und der Ekstase.

      Von nun an ist die sorgfältig überlegte und vorgenommene Abweichung vom Kanon des Universaldudens ein wichtiges Instrument. Gerade wenn man, wie ich im „Weltensammler“, über das Erleben der Fremde und das Leben in der Fremde schreibt, sind die durch diese Abweichungen ausgelösten Irritationen wichtiger Teil der poetischen Landschaft. Einige Beispiele:

Die Haare verquer wie Zweige eines Reisigs.

Nun sind im üblichen Sprachgebrauch eher abstrakte Dinge verquer, wie mich eine Leserin engagiert korrigierte, doch in diesem Fall verweist das Wort „verquer“, abgesehen davon, daß die Metapher den kommenden Scheiterhaufen vorwegnimmt, auf die Verweigerung des Gärtners und auf das Verquere der Situation insgesamt.

Ähnliche Beispiele gibt es im Weltensammler zuhauf. Die Beutungslimitation bzw. die Anwendungsgebiete eines Wortes können und dürfen erweitert werden, besonders wenn sich ein über die Formulierung selbst hinausweisender Sinngewinn ergibt: Richard Burton, lange vor der Weitsicht mit Nelke in der Sprache des Alltags eingetroffen, parierte das klebrige Englisch eines aufdringlichen Agenten mit einigen Phrasen Hindustani, mit stolzem Bedacht, so als würde er Duftproben austeilen.

Gemeinhin pariert man Schläge, Angriffe oder im übertragenen Sinn Aussagen, aber in diesem Fall entsteht ein Bild von der militärische Okkupation mit dazugehöriger Abwehrung der Fremde.

Präpositionen werden eigenwillig mit Verben verknüpft.

er weigerte sich, seine Dienstdauer zu durchwarten.

bis zum vernuschelten Abschied.

Idiomatisches wird transkulturiert:

alt genug, um bald vom Messer gegessen zu werden

— er hatte die Rechnung ohne den Zolleintreiber gemacht

Das attraktivste Merkmal meiner Geliebten ist ihre Wandlungsfähigkeit, von den Sprachwissenschaftlern etwas anatomisch Kompositabildung genannt. Oft wird diese Eigenschaft aufgrund einiger abstruser Extremata belächelt, etwa bei dem berüchtigten Wortwurm, der mit „Donaudampfschifffahrt-“ beginnt und mit „-kapitän“ endet. Oder bei der etwas aktuelleren „Bürgerkopfversicherungspauschalprämie“. Auch der Begriff des „Unmenschen“, zusammen mit seinem Pendant „der Übermensch“, zeugt von dieser sprachschöpferischen Potenz. Nicht zufällig sind diese beiden Begriffe in andere Sprachen, so auch ins Englische eingegangen. In welcher anderen Sprache könnte man durch zwei einfache, jedem verständliche Präfixe, eine ganze zusätzliche Bedeutungsebene schaffen. So kann jeder Sachverhalt durch die Verknüpfung zweier oder mehrerer Lexeme umgehend benannt werden, auch wenn kein etabliertes Wort dafür existiert. Natürlich, in jeder Sprache kann man neue Begriffe erfinden, aber im Deutschen sind sie aus sich selbst heraus verständlich, selbst wenn ihre Zusammensetzung völlig unüblich sein sollte. Manch ein englischsprachiger Autor hat längst vergangene Wörter exhumiert oder sich an Neuschöpfungen gewagt, und damit die meisten Leser vor den Kopf gestoßen. Im Deutschen hingegen hätte er ein leichteres Spiel gehabt, denn sprachliche Innovation wird aus vorhandenem und verständlichem Material gestrickt.

Hören Sie einige Erfindungen des wunderbar eigensinnigen und leider früh verstorbenen Dichters Thomas Kling:

Daumennagelgröße, Harzmeer, Dadurchgetropftwerden, Hockergrab, Scherbenfundstelle, Häkchengröße, Schattenreich, schattig, schattenlahm.

Erlauben Sie mir auch ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibwerkstatt: Ich war auf der Suche nach einem Wort, das eine besondere, eine ungewöhnliche Vergewaltigung benannte …

von Kobrakurtisanen, deren Körper über Jahre an das Gift gewöhnt wurden, einen Tropfen zunächst, dann mehrere, die Menge wurde gesteigert, bis sie einen Teelöffel am Tag einnahmen. Schließlich waren sie in der Lage, ein Glas voller Gift zu trinken, ohne daß es ihnen schadete. Doch ihr Schweiß, ihre Spucke, ihre Liebessäfte waren so giftig, daß jeder, der mit ihnen schlief, zum Tode verurteilt war. Selbst, wer eine ihrer Tränen abwischte und zum Mund führte, wäre gestorben. Verstehst Du, sie durften sich ihrer Lust nur hingeben, wenn sie einen Mann ermorden sollten. Sie waren nichts anderes als gedungene Mörder im Dienste eines Herrschers.

Wie sollte ich beschreiben, was diesen Frauen angetan wurde, diese Eroberung und Erniedrigung ihrer Körper und Wesen in den Tod hinein. Eine Realität, in der sich der Tod auf alles legt. Ich erinnerte mich an das Wort Notzucht, ein altertümlicher Begriff für Vergewaltigung. Die „Todzucht“ war nur noch eine weitere kreative Spirale entfernt. So hatte ich ein Wort gebildet, das für mein Empfinden auch klanglich hervorragend zu dieser Geschichte und zu Nordindien Mitte des 19. Jahrhunderts paßte. Und das sich dem Leser ohne weitere Erklärung erschließt.

Ähnlich unzufrieden mit dem existierenden Material führte zu einer Reihe von Neuschöpfungen, von denen exemplarisch nur noch zwei weitere genannt seien: Gassengicht und Staubhülle. Das Risiko, das man als Autor eingeht, ist die Akzeptanz des Lesers. Beim Durchschauen der vielen Leserbriefe zum „Weltensammler“ fällt mir auf, daß der eine die „Gassengicht“ besonders hervorhebt in seinem Lob der sprachlichen Beseeltheit, ein anderer hingegen ziemlich unwirsch diesen Wort herauspickt, um es als unsinnig zu zerpflücken.

Ihrer Haut galt sein Handmerk.

Ich richte mein Ohrenmerk auf mögliche Komposita, ergötze mich an Flammenschrift oder Schwebestil oder Kabelsalat oder Engelszungen. Die beiden letzteren kennen Sie gewiß, denn erfolgreiche Komposita setzen sich durch. Ein jedes hat die faire Chance, in den Kanon des Wörterbuches gewählt zu werden. Komposita sind ebenso leicht bei Adjektiven zu bilden. Was könnte — um bei einer Zeile des allemanisch-andalusischen Dichters José Oliver innezuhalten —, „flügelleicht“ sein? Die Zeit? Bevor sie zu Uhrzeit wird? Welche unserer Gedanken sind „wunschberührt, wunschbeseelt“.  Und handelt es sich bei dem „stempelmahnenden“ Dokument um einen Ausweis, einen Verweis oder einen Beweis?

Gewiß, manche Komposita sind schrullig, und uns daher lieb wie die Eigenheiten einer Geliebten, die Art etwa wie sie ihre Lippen schürzt oder den Zucker im Tee umrührt. Wir kennen ein „derweil“ und ein „dieweil“, stolpern allerdings über „dasweil“. „Kurios, daß man immer Himmel und Hölle, Engel und Teufel nur in andern Welten sucht, derweil man doch beides gegenwärtig um und neben sich findet“, heißt es im Armen Mann im Toggenburg. Früher bediente man sich, und das nicht nur im Allemanischen, eines semantisch noch reichhaltigeren „alldieweil“.

      Nun wird meine Geliebte in letzter Zeit nicht nur verschmäht, sondern kosmetisch vermeintlich verschönert. Die Operation trägt den Namen Anglisierung (könnte aber auch Anglifizierung oder Anglizilisierung lauten), das Endprodukt McDeutsch. Zum einen haben wir es mit einer Vielzahl von Wörtern – Schätzungen reichen von 5.000 bis 8.000 – zu tun, die sich in den letzten Jahrzehnten epidemieartig eingenistet haben: Opening, ticket, crew, user. Desweiteren haben sich heimliche Anglizismen eingeschmuggelt, vor allem bei den Verben, etwa generieren, initialisieren und implementieren. Zudem werden immer häufiger geläufige „deutsche Wörter gekapert, um eine neue Bedeutungsflagge darauf zu hissen“ (Dieter E. Zimmer): aktiv, Applikation, bannen, Integrität, involvieren, kontrollieren (im Sinne von ‘beherrschen’ anstatt von ‘überprüfen’). Meine Geliebte redet manchmal gar in fremden Redewendungen: um eine lange Geschichte kurz zu machen, einmal mehr (once more), die Schau stehlen, einen Unterschied machen, sich lausig fühlen, das ist die ganze Idee, ich sehe ihren Punkt (auf der Stirn?), er nannte sich (anstatt er hieß), ja, selbst ‘Liebe machen’ ist nicht deutsch, denn der Teutone vollzog jahrhundertelang – umständlich, aber ordentlich - den Geschlechtsverkehr.

      Manchmal fällt uns der Anglizismus selber nicht auf, wie ich neulich feststellte, als mich ein Redakteur darauf hinwies, es gebe keine Charaktere in einem Film, höchsten Figuren mit einem guten oder einem schlechten Charakter. Überhaupt bin ich diesbezüglich gerade deswegen so sensibilisiert, weil ich mich selber, vor allem aber, weil mich andere, vor allem meine diversen Lektoren, immer wieder bei der Verwendung von Anglizismen ertappen. Redigieren ist für mich nicht zuletzt ein Kampf gegen das Überschwappen meiner zweiten literarischen Sprache, des Englischen, ins Deutsche hinein. 

Natürlich muß nicht jedes Muttermal meiner Geliebten schön sein, und jeder modische Schmuck, den sie anlegt, hässlich. Der Versuch, jede sprachliche Botschaft einzudeutschen mutet lächerlich ein, wie ein kurzer Blick in das Glossar von Philip von Zesen zeigt, einem Mitglied der in Weimar im 17. Jahrhundert gegründeten „Fruchtbringenden Gesellschaft“: statt Nase —Gesichtserker, statt Kloster — Jungfernzwinger, statt Fenster – Tageleuchter. Der berühmteste Versuch stammt von Joachim Heinrich Campe aus dem Jahre 1801: Lügenzicht für Dementi; und gleich vier Alternativen für Ironie: Scheinunwissenheit, Spottlob, Hechelscherz, Schalksernst.

Soviel Hechelscherz war doch keinem zuzumuten, und die Ironie ist jedem Bürger zumindest theoretisch bekannt. Aber sie wird, wie alle anderen Aneignungen, noch Jahrhunderte später in lexikalischen Ghettos verwahrt. Wieso gibt es im deutschen Sprachraum so viele Fremdwörterbücher, ein Phänomen, das im Englischen fast gänzlich unbekannt ist? Diese Bewahrer von Herkunftsdifferenz verzeichnen nicht nur die eigentlichen fremden Wörter, sondern vor allem die sogenannten „Lehnwörter“, als wollten sie zum Ausdruck bringen, wer einmal fremd ist, bleibt immer fremd. Die Pampelmuse etwa, vor vielen Jahrhunderten aus dem tamilischen Balbolmas über das holländische pompelmoes eingewandert, wird weiterhin ausgegrenzt. Scheinwissenheit so weit das Auge reicht.

Besonders charmant sind die Versuche meiner Geliebten, sich an englischen Neuschöpfungen zu versuchen, wie ein Dressurreiter, der sich auch einmal im Cross Country beweisen will. Mein Handy steht ziemlich weit oben auf der Hipness-Skala, weil es i-Tunes hat und mein Provider heißt free & easy.

Sollen wir uns wehren? Das hängt damit zusammen, wie sehr wir an die Form unserer Geliebten hängen, ob wir es akzeptieren, daß sie reift und sich alternd verändert, oder ob wir auch kosmetische Operationen hinnehmen. Und auch davon, wie wir zur großen Nebenbuhlerin Englisch stehen. Wenn wir dem Kanadier James D. Nicoll zustimmen, müssten wir ihr eigentlich Hausverbot erteilen: „Es ist schwer, die Reinheit des Englischen zu verteidigen, ist es doch etwa so rein wie eine Hure in einem Bordellschuppen von New Orleans. Wir entlehnen nicht nur Wörter; gelegentlich hat Englisch anderen Sprachen in dunklen Gassen aufgelauert, sie zusammengeschlagen und ihre Taschen nach neuem Vokabular durchwühlt.“

      Und genau hierin liegt die Cruz: Integration sollte nicht Anpassung, sondern Anreicherung bedeuten. Wenn also unser Wortschatz und unsere Idiomatik erweitert werden durch die Anteilnahme von Redenden und Schreibenden, die ursprünglich aus anderen Regionen stammen, handelt es sich in keiner Weise um 'Überfremdungstendenzen', sondern um einen natürlichen und notwendigen Prozeß der Vermischung, um ein Grundgesetz kultureller Entwicklung, in dessen großen Fluß und Zusammenfluß jeder von uns nur einen kleinen Wirbel darstellt. Wenn aber unsere Sprache von dem globalisierten Englischen überlaufen wird, handelt es sich um einen Akt ökonomischer Dominanz und profitablen Opportunismus. Wer überfremdet also wen, und wer wehrt sich dagegen? Die Fronten sich nicht so eindeutig gezogen, wie manch ein Leitartikel glauben machen will. Ich jedenfalls bin in diesem Fall intolerant. Ich möchte die Ehre meiner Geliebten verteidigen gegen jene, die sie verschachern auf dem Marktplatz der Billigkeiten. Und ich möchte sie beschenken mit dem, von dem ich mir, wie jeder Liebhaber, einbilde, nur ich könnte es ihr geben.

 

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