Fee Kathrin Kanzler

Wahrheit ist ein bisschen wie der innere, leere Teil einer Schablone

 

Interview mit Fee Kathrin Kanzler

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Foto: Saja Seus

Frau Kanzler, braucht unsere auf- und abgeklärte Zeit eine Art Flucht in die Märchenwelt?
 
Fee Katrin Kanzler: Ich habe Märchenhaftes nie als Flucht verstanden. Märchen sind Geschichten. Und Geschichten brauchen wir. Dass Märchen nichts mit der Welt zu tun hätten, ist vielleicht ein Irrglaube unserer Zeit. Ich hörte zum Beispiel einen Historiker sagen, dass »Der Herr der Ringe« unheimlich politisch sei, und ich nehme an, dass er Recht hat. Außerdem kenne ich, glaube ich, keinen Menschen, der nicht einen gewissen Hunger nach Geschichten hätte, in welcher Ausprägung auch immer.


Welche Rolle spielt dabei der Autor? Ist der Künstler nach Ihrer Meinung der Bote einer anderen Realität?

Kanzler: Einen Boten könnte man ihn nennen, ja. Aber Kunst zerrt nicht in andere Realitäten hinüber, sondern verortet im Grunde genau da, wo wir sind und hingehören, in unserer Realität. Dass wir diesen Ort als anders empfinden, liegt eher daran, dass wir gern vergessen, wie unheimlich oder schön oder anders alles sein kann. Kunst ist eine Möglichkeit, zugleich entfremdet und zuhause zu sein.
 
Was ist für Sie Wahrheit? Ist sie singulär oder glauben Sie, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur Erzählung?
 

Kanzler: Wahrheit. Ich glaube nicht, dass ich im Moment gut oder befriedigend über sie sprechen kann. Wahrheit ist vielleicht ein bisschen wie der innere, leere Teil einer Schablone. Aber wenn Sie mich morgen nochmal fragen würden, würde ich bestimmt etwas anderes sagen.

Ihr neuestes Werk heißt „Kopfkino"? Worum geht es in diesem Roman?

Kanzler: Er spiegelt die Innensicht einer jungen Frau. Er gewährt Einblick in ihren Hochmut und Übermut, in Fantasien und Wahnvorstellungen, in die Körperlichkeit und Wahrnehmung der Hauptfigur. Er spult ihr ganz persönliches Kopfkino ab, an dem der Leser, vielleicht wie ein Voyeur, Teil hat.


Für wen schreiben Sie? Schreiben Sie um den Weg zum Glück zu finden oder um das Unglück abzuwenden?

Kanzler: Im Prinzip schreibe ich für alle. Aber dass meine Art, zu schreiben und zu denken, nicht allen liegt, ist klar. Ich schreibe nicht gegen das Unglück, auch wenn ich lieber glücklich bin. Ich schreibe um Glück und Unglück gleichermaßen, glaube ich, Unglück ist die Antimaterie zum Glück, flapsig ausgedrückt.

Was glauben Sie, dass die Zeit überdauert?

Kanzler: Die Zeit überdauert nichts, weil jedes Dauern und Überdauern die Zeit benötigt. Also: nichts.

Wenn nichts die Zeit überdauert, was motiviert Sie zu schreiben?

Kanzler: Ich stelle mir die Frage nie. Sie ist für mich irrelevant. Im Kern läuft es darauf hinaus: Ich kann, ich will, ich muss.

Kann die Kunst die Welt verändern?

Kanzler: Sie kann es nicht nur, sie tut es.

Auf welche Weise?

Kanzler: Sie bewegt.

Was hat sich bei Ihnen verändert vom Übergang vom Kind- zum Erwachsensein?

Kanzler: Nicht viel. Ich bezweifle, dass der Übergang je aufhört bei mir. An meiner Tübinger Wohnungstür klebt seit Jahren ein Schild, auf dem steht »Kinderzimmer«. Ich glaube, ich bin einfach ein sehr selbständiges Kind.


In welchem Milieu sind Sie groß geworden und auf welche Weise hat Sie dieses Milieu beeinflusst?

Kanzler: Ich würde das Milieu als bürgerlich bezeichnen, behütet, sicher. Ich konnte darin immer frei meinen Interessen nachgehen, das war perfekt. Durch die Behütung habe ich allerdings auch eine große Sehnsucht nach anderen Welten als der bürgerlichen entwickelt. Ich glaube, diese Art der Exzentrik macht meinen Eltern manchmal etwas Sorgen.


Sie waren dieses Jahr Stipendiatin des 11. Klagenfurter Literaturkurses. Was haben Sie aus diesem Kurs mitgenommen?

Kanzler: In erster Linie die Gewissheit, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dass mein Text gut ist, ein wenig eigenartig und dass er unbedingt fertig werden muss. Okay, das wusste ich auch vorher schon. Aber zusätzliche Bestärkung und Förderung ist wirklich unschätzbar wertvoll. Außerdem war der Kurs eine gute Möglichkeit, wieder etwas Distanz zum Text zu bekommen.            

Vielen Dank für das Gespräch.                          

■   Das Interview führte Kyro Ponte im September 2007

 

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