Erich Schanda


Die Angst vor möglichen Anschlägen ist ein probates Mittel, um fragwürdige staatliche Kontroll- und Überwachungsmechanismen zu installieren

Interview mit Erich Schanda

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Was motiviert einen EDV-Spezialisten, Kriminalgeschichten zu schreiben?


Schanda: Vielleicht die Ähnlichkeit mit heimtückischen, sporadisch auftretenden Fehlern, denen man sich nur mit detektivischem Spürsinn nähern kann, um sie dingfest zu machen und zur Strecke zu bringen? Nein, tatsächlich ist es meines Erachtens unabhängig vom Beruf, welchem Genre man sich verschreibt. Die besten Krimis wurden und werden immer noch von Kollegen geschrieben, die ganz sicher nicht gegen Gesetze und Vorschriften verstoßen haben – abgesehen von Geschwindigkeitsübertretungen, verspäteter Abgabe der Steuererklärung oder Kriegsdienstverweigerung.

 
Viele Ihrer Werke (z.B. Twilight, Camouflage, Masterpiece) tragen einen englischen Titel. Verlangt das Genre Kriminalroman so etwas?

Schanda: Das Genre verlangt es sicher nicht, aber meiner Überzeugung nach ist grundsätzlich ein kurzer, prägnanter und einprägsamer Titel, der überdies noch in Einklang mit dem Inhalt des Buches steht, bestens dazu geeignet, in der Erinnerung des Lesers zu bleiben. 

Woraus schöpfen Sie Material für Ihre Geschichten? Messen Sie der Erfahrung beim Schreiben eine besondere Bedeutung zu?

Schanda: In erster Linie entwickeln sich meine Ideen durch Lesen, gezieltes Informieren und Recherchieren. Ein Begriff wie Schreibblockade ist mir daher fremd. Erfahrungen und Kenntnisse sind besonders dort wichtig, wo es um die glaubwürdige Schilderung von Szenen geht, die über das Allgemeinwissen hinausgehen. Die Kunst besteht darin, dieses Wissen so in den Plot zu integrieren, dass der Leser nicht gelangweilt wird.

 Welche gesellschaftliche Entwicklung bereitet Ihnen gegenwärtig Sorgen und bei welcher sind Sie der Ansicht, dass Anlass zur Freude besteht?

Schanda: Die größte Sorge für mich ist die anhaltende Gleichgültigkeit der meisten Menschen gegenüber dem bevorstehenden Klimawandel, der das Leben von Generationen nachhaltig verändern und die Welt drastisch neu formen wird. Anlass zur Freude kann ich in diesem Ausmaß nirgendwo finden – ausgenommen im persönlichen Bereich.

Haben Sie vor etwas Angst in Ihrem privaten Leben?

Schanda: Ja. Das Wichtigste in meinem Leben ist meine langjährige Nichtehefrau. Ich kann mir ein Leben ohne sie nicht wirklich vorstellen und hoffe, dass mir diese Erfahrung erspart bleibt.

Ist das, was Ihnen Angst bereitet, die Vorstellung, alleine zu leben? Was bedeutet für Sie Einsamkeit?

Schanda: Einsamkeit bedeutet emotionale Isolation. Ich glaube, dass jeder davor Angst hat.

Spielen einige Autoren mit den Gefühlen ihrer Leser, indem sie bereits bestehende Ängste verstärken und in besondere Richtungen lenken?

Schanda: Ein guter Autor versucht immer, den Leser zu fesseln, Emotionen zu schüren und ihn für sich einzunehmen. Das Locken auf eine falsche Fährte gehört genauso dazu wie der Thrill in meinem Genre. Ich bin der Meinung, dass dieses Spiel, so wie Sie es bezeichnen, sowohl die Erwartungshaltung des Lesers befriedigt als auch dem Autor Vergnügen bereitet.

Schanda: Im Buch Webmaster wird die deutsche Regierung von kurdischen Terroristen erpresst und es wird von einer Antiterrorgruppe alles unternommen, um einen Anschlag auf Berlin zu verhindern.

Weshalb muss die Gefahr aus dem Mittlerenosten kommen?
 
Schanda: Die Terrorgefahr muss natürlich nicht zwingend aus dem Mittleren Osten kommen. Bei dem Thriller Webmaster suchte ich gezielt nach möglichen Terrorvereinigungen, die hinreichend Grund für einen solchen Anschlag haben könnten. Die damalige Regierung des Irak unter Saddam Hussein machte Geschäfte mit vielen deutschen Firmen, um ihre Kriegsmaschinerie aufzurüsten. Der bei uns kaum bekannte Giftgasanschlag der Iraker auf die Stadt Halabja mit über 5000 toten Kurden diente als Vorlage für eine vorstellbare Vergeltung der kurdischen Terroristen an Deutschland und wird hoffentlich eine Fiktion bleiben.

Tragen diejenigen Länder, die Waffen liefern, die korrupte Regimes jahrelang  unterstützen, um für sich Vorteile zu verschaffen, nicht dazu bei, dass der Terrorismus aufblüht? Machen sich diese Länder nicht in gewisser Hinsicht zu „Mittätern“?

Schanda: Natürlich! Allerdings werden solche Handlungen in angeblich politisch wichtige Mäntel gehüllt, um das makabre Handeln dahinter zu verbergen. Allein die Rolle der USA im Mittleren Osten, über die letzten zwanzig Jahre betrachtet, ist ein nicht nachzuahmendes Beispiel dafür: Wechselweise wurden die verfeindeten Staaten mit Kriegsmaterial versorgt in der Hoffnung, daraus noch mehr Kapital (im wahrsten Sinn des Wortes!) schlagen zu können. Jetzt, in diesen Tagen, blickt die Welt mit Spannung in den Nordirak und auf die Türkei, die dort gerne einmarschieren würde, um die PKK an Ort und Stelle zu bekämpfen. Wäre es nicht die primäre Aufgabe der Besatzer, das eroberte Land endgültig zu befrieden?

Gewalt wird eingesetzt, wenn zur Lösung von bestimmten Problemen keine anderen Mittel greifen. Ist nicht der vom Mittleren Osten ausgehende Terrorismus Anzeichen einer gewissen Ratlosigkeit?

Schanda: Terror gab und gibt es überall in der Welt. Der sogenannte Deutsche Herbst, die ETA oder die IRA sind uns ebenso präsent wie Al-Qaida oder die Taliban, die Roten Khmer, die palästinensischen Organisationen und viele andere Gruppierungen. Die Rat- und Hilflosigkeit betrifft Täter und Opfer gleichermaßen, und sinnlose Gewalt und Gegengewalt bilden eine sich immer schneller drehende Todesspirale. Hier sind engagierte Politiker und Völkerkundler gefordert, um nach Lösungen zu suchen. Die von Ihnen angesprochene Ratlosigkeit ist die Folge von zu wenig Aufklärung, Information und Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Angst vor möglichen Anschlägen ein probates Mittel ist, um fragwürdige staatliche Kontroll- und Überwachungsmechanismen zu installieren – Schäubles Wunsch nach Onlineüberwachung ist das beste Beispiel dafür.

Die genannten Organisationen kann man meiner Meinung nach in zwei Gruppen mit fließenden Übergängen teilen. Die erste Gruppe besteht aus sogenannten „Befreiungsbewegungen“, die militärisch nach Land streben, und die zweite Gruppe bilden die „politischen oder religiösen Bewegungen“, die gegen einen andersdenkenden Feind kämpfen. Allen Gruppierungen ist gemeinsam, dass sie Gewalt ausüben, um uns Schrecken einzujagen. Erzeugt diese Gewaltausübung nicht eine derartig große Angst, dass wir dadurch fast gezwungen werden, irrational zu denken? Ist das irrationale Denken von einzelnen Menschen oder von großen Gruppen nicht das, was Terroristen letztendlich wollen?  

Schanda: Ziel eines jeden Terroranschlags ist es, Angst zu erzeugen. Wer Angst hat, wird handlungsunfähig oder trifft unüberlegte Entscheidungen. So betrachtet, war Angst als Manipulationshilfe schon immer ein probates Mittel, um sich der Macht zu versichern. Ganze Religionen partizipierten davon und tun es teilweise heute noch.

Auf welche Weise kann man den Terrorismus bekämpfen?

Schanda: Terrorismus lässt sich nur sehr schwer bekämpfen. Eine wirksame Vorbeugung kann, falls überhaupt, nur durch den weltweiten Austausch von Informationen der entsprechenden Dienste untereinander erfolgen. Dies scheint nicht der Fall zu sein, wie die U-Bahn-Anschläge in London im Jahr 2005 deutlich vor Augen geführt haben. Man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass der moderne Terrorist nahezu über dieselben technischen Mittel verfügt wie seine Jäger, ausgenommen strategische Waffen. Doch der Anschlag auf das WTC (World Trade Center) hat gezeigt, dass nichts mehr unvorstellbar ist. Die unbegrenzte Vielzahl der Möglichkeiten, einen gezielten Anschlag durchzuführen, führt folglich zu Resignation und Ratlosigkeit bei den Politikern.

Mir scheint, dass künftig das vereinte Europa neben den „äußeren Feinden“ mit der Lösung inneneuropäischer Angelegenheiten wie z.B. der historisch-gesellschaftlichen Heterogenität seiner Mitgliedsländer zu kämpfen haben wird. Teilen Sie diese Ansicht?

Schanda: Zum Teil. Ein vereintes Europa in Form eines Währungs- und Wirtschaftsverbunds kann sich für alle vorteilhaft entwickeln. Trotzdem bleibt es eine kulturell durchgemischte Menge von souveränen Staaten, die naturgemäß eigene Interessen vertreten. Die aktuell angespannte Situation zwischen Polen und Deutschland zeigt dies sehr deutlich. Wenn die Länder in der Warteschlange noch hinzukommen, wird dies noch komplizierter werden. Etwas sarkastisch ausgedrückt, sieht es so aus, als würde Europa künftig nicht mehr geografisch, sondern politisch definiert werden müssen. Im Fall der Türkei hätten wir dann die paradoxe Situation, dass die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden kurdischen Terroristen plötzlich Europäer wären. Ich habe noch den Zerfall Jugoslawiens vor Augen: Ähnliches sollte sich nicht wiederholen...

Was verbindet uns Europäer Ihrer Meinung nach?

Schanda: Der vernünftige, friedvolle Umgang miteinander. Alle Kriege sind bereits ausgefochten und somit Vergangenheit, alle Grenzen einhellig anerkannt und teilweise nur noch in Atlanten ersichtlich. Als Europäer lebt man seit dem Ende des Kalten Kriegs sehr entspannt in Europa.

Sind wir Europäer uns nach der Unionsgründung näher gekommen?

Schanda: Gewisse bilaterale Beziehungen haben sich langsam, aber gut entwickelt (Deutschland – Frankreich beispielsweise), andere, wie die baltischen Länder öffnen sich in einer Art und Offenheit nach Westen, dass man nur darüber staunen kann, wie schnell deren Integration vonstatten ging. Allerdings kann und darf dies nicht von allen künftigen Mitgliedsstaaten erwartet werden.

Ein Franzose wird ein Franzose, ein Deutscher ein Deutscher und ein Litauer ein Litauer bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwann einmal jemand sagt: Ich bin ein Europäer. Fragen Sie einen Amerikaner, was er ist und er wird Ihnen ähnlich antworten: Ich komme aus Texas, Kalifornien, Alabama, Maine ... Erst wenn es gegen einen gemeinsamen Feind geht, werden sie plötzlich zu Amerikanern.

Ich würde mich persönlich schon als Europäer bezeichnen. Weshalb ist Ihnen die Trennung nach nationaler Zugehörigkeit wichtig? Man kann ja in seiner Persönlichkeit unterschiedliche Eigenschaften vereinen, die Einflüsse aus unterschiedlichen geographisch, politisch und historisch zusammengewachsenen Ländern erkennen lassen. Ist nicht das gerade das „Europäische"?

Schanda: Mir persönlich ist eine solche Trennung nicht wichtig. Der Unterschied zwischen Europa und den darin miteinander verbundenen Ländern ist nostalgischer Natur: Heimat kann nur ein Land sein, keine noch so vielversprechende, zweckorientierte Ländergemeinschaft. Kürzlich sprach ich mit einem Israeli über Europas Staatenverbund. Obwohl der Mann gebildet ist, interessierte ihn das vereinte Europa nur insofern, als die UEFA Israel nach Europa einordnete, damit die israelischen Fußballnationalspieler überhaupt noch Gegner auf internationaler Ebene finden. Mit ihren verfeindeten Nachbarn ist dies bekanntermaßen schon lange nicht mehr möglich. Es könnte also durchaus der Fall eintreten, dass ein Land aus Vorderasien bei einer Europameisterschaftsendrunde mitkickt. Der pittoreske Gedanke an ein mögliches Endspiel um Europas Krone zwischen Israel und Deutschland – vielleicht in Rom oder Zürich – dürfte mehr zur Völkerverständigung beitragen als das krampfhafte Bemühen mancher Politiker in Old Europe, kulturelle Unterschiede zu nivellieren ...

Mein Tipp für ein solches Endspiel: 5:4 nach Elfmeterschießen für Israel. 

     ■ Das Interview führte Kyro Ponte  im November 2007

 

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