Antonis Anissegos

[Das Göttliche im Menschen ist] unsere schöpferische Qualität, also unsere Fähigkeit eine Vorstellung in eine Tat umzusetzen, aus einer Idee Form zu schaffen. Wir sind ein Kanal, wodurch das Leben fließt und erzeugt wird

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Interview mit Antonis Anissegos

                                                

Herr Anissegos, ich freue mich sehr mit Ihnen ein Interview führen zu können. Unsere Lebensgeschichten weisen, zumindest bezüglich der Standorte, in denen wir uns aufgehalten haben, einige Parallelen auf: Unsere Familien lebten eine Weile in Esslingen, bis sie sich in den 80er entschlossen hatten, nach Thessaloniki zurückzukehren. Unsere Familien haben sich dann sogar im selben Stadtviertel niedergelassen.

 

Wie empfanden Sie die ersten Jahre in Griechenland? Was machte das Besondere dieser Zeit aus?

 

Anissegos: Ich habe mich in den ersten Jahren in Griechenland in einer angenehmen Art fremd gefühlt. Das half mir ein untypisches Leben in meiner Freizeit zu führen. Ich beschäftigte mich damals mit chinesischen Kampfsportarten und Musik und war ganz klar ein Außenseiter. Ich hatte kaum Freunde, war menschenscheu und am liebsten alleine. Mit sechzehn entdeckte ich die Jazzmusik und hatte auf diese Weise richtig viel zu tun. Dementsprechend blieb für die Schule kaum Zeit übrig. Im Anschluss daran verweilte ich noch vier Jahre in der Stadt, um meine Klavierstudien im Konservatorium abzuschließen. In diesen Jahren lernte ich Thessaloniki auch besser kennen.  

 

Haben Sie in dieser Zeit die Beziehung zum deutschen Kultur- und Sprachraum gepflegt? Welche Bedeutung spielte die deutsche Kultur zur Formung Ihres Charakters?

 

Anissegos: Die letzten Jahre in Thessaloniki besuchte ich das Goethe-Institut, um die schon vergessene Sprache wieder zu erlernen. Da kam ich erneut mit der deutschen Kultur in Berührung. Doch alleine durch die klassische Musik, erfährt man einiges über deutsche Kultur und Geschichte. Irgendwie hatte ich eine Vorahnung, dass ich später in einem deutschsprachigen Raum Musik weiterstudieren würde und ich bereitete mich langsam vor.

 

Was hat den letzten Stoß gegeben, sich voll und ganz der Musik hinzugeben?

 

Anissegos: Kurz bevor die Schule zu Ende ging, wurde mir klar, dass die beste Wahl ist, mit Musik weiterzumachen. Ich machte mir keine Gedanken über meine Zukunft, es gab nur die Musik.

 

Sie haben oft in Ihrem Leben die geographischen Standorte (Budapest, Wien, Köln und Berlin, um nur einige Städte zu nennen) gewechselt. Was macht für Sie Heimat aus?

 

Anissegos: Ich brauche so etwas wie eine Heimat nicht. Ich besitze üblicherweise eine Nationalität, wurde in einer Religion hineingeboren und habe alle notwendigen Stempel bekommen, um weiterhin relativ ungestört existieren zu können. All diese Heimatsgefühle sind unsere eigenen Erfindungen, das ist ein Spiel, das wir alle spielen. Ich fühle mich überall wohl, wo ich meine Musik spielen kann und wo es offene Menschen gibt.

 

Am Anfang Ihrer Karriere wurden Sie von Manos Chatzidakis gefördert. Erzählen Sie uns ein wenig über die erste Begegnung mit Chatzidakis. Welche Rolle spielte diese Begegnung in Ihrem Werdegang?

 

Anissegos: Ich ging nach einem seiner Orchesterkonzerte zum ihm hinter die Bühne, die voll von Bekannten und Verehrern war und stellte mich ihm einfach vor. Er lud mich für den kommenden Abend zu sich nach Hause ein. Er war ein Nachtmensch, für ihn war es also vormittags. Ich spielte ihm eine eigene Komposition vor, sowie etwas von Haydn und Bartók. Er zeigte sofort Interesse an meinen Kompositionen. Später führte er ein Streichquartett von mir mit Streichorchester auf. Er organisierte zwei Solokonzerte, bei denen ich in der einen Hälfte Musik aus dem 20. Jahrhundert aufführte und in der anderen improvisierte und es kamen von seiner Seite immer neue Ideen und Projekte. Er sprach nie über seine eigene Musik, er interessierte sich ausschließlich über meine Entwicklung. Ein großzügiger und wacher Mensch. Diese Bekanntschaft dauerte  zwei oder drei Jahre, bis zu seinem Tod. Ich lernte seine Musik erst viel später zu schätzen.

 

Sie haben unterschiedliche Musikstile verinnerlicht. Sie praktizieren klassische Musik und zeitgenössischen Jazz. Sie spielen und komponieren von improvisierter bis elektronischer Musik. Welcher ist der gemeinsame Nenner all dieser Musikrichtungen? 

 

Anissegos: Das „Jetzt“ ist nach meiner Empfindung der gemeinsame Nenner.

Eine klassische Komposition, die wir heutzutage lieben, scheint oft eine Musik zu sein, die unter gewaltigem Enthusiasmus und absoluter Hingabe entstanden ist. Wir können diese Qualitäten heute bei einer guten Aufführung deutlich spüren. Bei einer klassischen Aufführung, versuche ich mich mit der Gegenwart der Entstehung, diesen Moment des spontanen Einfalls des Komponisten einzustimmen und die Vielfallt der ursprünglichen Gefühle zu erahnen. Natürlich können wir diese nur bis zu einem gewissen Punkt zurückverfolgen, denn alle Parameter haben sich seitdem geändert. Auch die musikalische Konventionen und Kodierungen, die die musikalische Aussage verhüllen, sind nicht mehr aktuell. Dementsprechend ist die historische Aufführungspraxis nur bis zu einem gewissen Punkt hilfreich.

Bei den zeitgenössischen musikalischen Ausdrucksformen haben wir diesen Abstand nicht. Die heutigen musikalischen Schöpfer leben unter uns, sind mit  der Welt ihrer Zuhörer konfrontiert. Insofern ist der Zugang zur aktuellen Musik direkter, auch wenn die Musik oft weit entfernt von unseren Erwartungen zu sein scheint.

Ich interessiere mich für viele musikalische Richtungen und so fällt es mir leicht in verschiedenen Bereichen aktiv zu sein.

 

Sie arbeiten oft mit Tänzer/Innen zusammen. Welche Beziehung besteht zwischen Bewegung und Musik?

 

 

Anissegos: Klang und Bewegung sind sehr eng miteinander verbunden. Es gibt ähnliche Herausforderungen in beiden Ausdrucksformen. Gemeinsam bestehen sie aus Schwingung, Atem, Form, Richtung und Innenleben. Mit der Zeit entdeckt man, dass das ganze Leben ein spontaner musikalischer Tanz und eine tanzende Musik ist, jeder Moment, alles was man erlebt, man braucht es nur so wahrzunehmen. Vielleicht ist das die größte Lehre der Kunst. 

 

Wie ist die Zusammenarbeit  mit der Butoh-Tänzerin Yuko Kaseki entstanden?

 

Anissegos: Mit Yuko Kaseki haben wir uns durch ein gemeinsames Projekt mit einer japanischen Videokünstlerin kennengelernt. Ich hatte lange den Wunsch, mit Tänzern zu arbeiten und hatte bis dahin nur gelegentliche Erfahrungen in dieser Richtung gemacht. Gleich zu Beginn des Projekts, haben wir einen Auftritt mit Yuko Kaseki zu zweit gehabt. Es hat uns beiden so sehr gefallen, dass wir weitere Auftritte planten, oft mit verschiedenen Gästen aus dem Tanz- und  Musikbereich. Außerdem haben wir gemeinsame Workshops geleitet und das Tanzmusikstück “Umbra” mit dem Theater Thikwa erarbeitet und aufgeführt. Im Mai 2010 wird es 10 weitere Vorstellungen* davon geben.

 (* „Umbra” in F40 Theater Thikwa, Berlin: 18., 19., 21.-23., 26.-29. Mai 2010, 20 Uhr)

Der Butoh-Tanz ist als Gegenbewegung zu den Amerikanisierungs-tendenzen in der japanischen Gesellschaft entstanden. Was können wir Europäer von dieser relativ neuen Tanzbewegung lernen? 

 

Anissegos: Das besondere an Butoh ist, dass es keine ästhetische und traditionelle Bewegungsmuster übernimmt, dass es eine Neudefinition von Ausdruck und überhaupt künstlerischer Existenz ist. Und trotzdem hat diese Kunstbewegung keinen Avantgarde-Charakter, wie bei uns in den 50er und 60er Jahren. Butoh ist klar, definiert und artikuliert und gleichzeitig bleibt es vollkommen abstrakt. Es ist ein Tanz mit dem Unsichtbaren im Jetzt und entkommt jeder Choreografie.

 

Ist die Sprengung der Form in der Musik der Versuch seitens der Kunst unsere Zeit wiederzugeben oder der Versuch etwas Neues zu (er-)finden?

 

Anissegos: Die Form scheint in jeder bedeutenden Kunst das Ergebnis zu sein und nicht das Ziel. Eine Form zu sprengen, kann eine Kritik an einer bestehenden Situation bedeuten, einen Ausbruch aus einer Konvention, die nicht mehr befriedigend ist. Das kann eine Übergangsphase charakterisieren, eine Avantgarde-Periode, in der vorerst aufgeräumt wird, um aus den Trümmern Neues zu erschaffen. Das haben wir seit den 70er hinter uns. 

Die Form, die während der Entstehungsphase nicht vorhersehbar ist, finde ich spannender als eine vorgefertigte Form, die ausgefüllt wird. Eine Form ist am Ende immer zu finden und solange der Inhalt von einer treibenden Aussage gesteuert wird, macht die Form Sinn.

 

Die Neue Musik versucht mit den rationalen Prinzipien der Moderne zu brechen. Ist das Gegenteil von Vernunft das Gefühl oder das Irrationale?

 

Anissegos: Intuition, Gefühle, das Irrationale, all das muss mit der Vernunft zusammenarbeiten, um zur Artikulation zu gelangen. Vernunft ist das Werkzeug, der Diplomat.

 

Glauben Sie an Gott?

 

Anissegos: Ich kann Gott mit Intellekt, Verstand und Gefühl nicht erfassen. Wir sind in einem Gehirn verhaftet, das all unsere Erfahrungen zensiert und in limitierte Sprachen übersetzt, die Missverständnisse hervorbringen. Wie können wir über Gott sprechen, wenn wir nicht in der Lage sind grundlegende Aspekte des Lebens zu verstehen. Ist Gott außerhalb von uns und der Welt, die wir in Erfahrung bringen? Oder ist Gott Alles? Ist Gott ein Begriff für unseren Schöpfer? Und wer ist dann der Schöpfer von Gott?

 

Kennen wir aber nicht bereits vieles über das Leben und Gott, wenn wir zu verstehen versuchen, wenn wir fühlen und mit Begrifflichkeiten, also mit Immaterialitäten täglich umgehen?

 

Anissegos: Vieles über das Leben und Gott zu kennen, scheint nicht genug zu sein, in anderen Worten, genug ist nicht genug. Wie es scheint, gibt es Grenzen im kollektiven Verständnis über diesen grundlegenden Themen. Umso mehr sind wir auf unserer eigenen Suche angewiesen. Ich glaube nicht dass eine tiefe Überzeugung übertragbar ist, sie kann aber inspirierend wirken. Jeder interpretiert die empfangenen Daten in seiner einzigartigen Weise und entwickelt sich dementsprechend weiter. Die Ewigkeit ist auch so ein Begriff, der unsere Vorstellungskraft erstmal überschreitet.

Wie kann ich an Gott glauben ohne das alles zu wissen? Vielleicht gerade weil ich es nicht weiß, kann ich an Gott glauben. Glauben als Ersatz für Unwissen. Ich glaube an die Energie, die den Prozess der Weiterführung aufrechterhält. Meine Frage lautet, ist alles, unser Planet, das ganze Universum, eine Kulisse für uns intelligente Wesen, um unsere wichtige Geschichte zu schreiben, bis der schließende religiöse Vorhang das ganze beenden wird, um dann Rechenschaft zu ziehen, oder sind wir eins mit dem Universum, wie unsere gemeinsame Grundstruktur es aufweist? Was ist dann unsere Seele? Wie ist sie mit dem Rest verlinkt?

 

Warum ist die Kunst heute wichtig, in einer Moderne, die nicht an die Transzendenz glaubt?

 

Anissegos: Ich weiß nicht ob Kunstan sichwichtig ist, das muss jeder für sich selbst  entscheiden, denn ohne die kreative Mitwirkung des Kunstempfängers, bleibt die Kunst nur eine weitere Unterhaltungsform.

Ob man in Transzendenz glaubt oder nicht, ich bin überzeugt, dass jede inspirierte und kraftvolle künstlerische Aussage, uns die Möglichkeit gibt, intensive und neuartige Erfahrungen zu machen, die unser Leben in einer unbewussten Weise beeinflussen und erweitern kann. Unsere gewohnte Realität kann also durch die Beleuchtung der Kunst eine neue Bedeutung gewinnen.

Ich bin überzeugt dass wir in mehreren Ebenen gleichzeitig existieren. Während wir gewöhnlich in unserer erschafften Realität eingestimmt sind, sind wir durch ein Kunstwerk in der Lage, uns in einer unbekannten und neu artikulierten Wirklichkeit wiederzufinden. 

 

Was glauben Sie, ist das Göttliche im Menschen?

 

Anissegos: Unsere schöpferische Qualität, also unsere Fähigkeit eine Vorstellung in eine Tat umzusetzen, aus einer Idee Form zu schaffen. Wir sind ein Kanal, wodurch das Leben fließt und erzeugt wird.

 

Welche sind Ihre nächsten Ziele als Mensch und als Künstler?

 

Anissegos: Keine Ziele zu haben, hinter der Maske der Gegenwart zu blicken.

 

                                                      ■ Das Interview führte Kyro Ponte im März 2010

 

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